In neuen Sprachwelten die ersten Schritte tun

Vorarlberg / 04.12.2012 • 19:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Alona kam als Au-pair aus der Ukraine nach Vorarlberg. Jetzt unterrichtet sie minderjährige Asylwerber. Fotos: VN/Hartinger
Alona kam als Au-pair aus der Ukraine nach Vorarlberg. Jetzt unterrichtet sie minderjährige Asylwerber. Fotos: VN/Hartinger

20 jugendliche Asylwerber drücken bei der Caritas zunächst mal die Schulbank.

Feldkirch. „Tourist“ schreibt Alona Neuberger (29) an die Tafel. „T – o – u – r – i – s – t“, spricht sie es überdeutlich aus, und zwölf Stifte setzen das neue Wort in krakeligen Buchstaben aufs Papier. Jugendliche Flüchtlinge im Unterricht. Jawhat tippt seine Mütze an wie ein schneidiger Fliegeroffizier und lacht. Zaker legt beide Hände gefaltet aufs Heft. Fertig. Bereit fürs nächste Wort. Die meisten kommen vom Hindukusch, wenige aus China. Die einen schlagen in Wörterbüchern mit 10.000 Zeichen nach, die anderen haben zu Hause Farsi schreiben gelernt. Aber das Persische wird nicht einfach so hingerotzt, das ist Kalligrafie. Die Wörter werden gemalt. Oder dem griechischen Fremdwort entsprechend „schön“ (kalos) geschrieben (graphein).

Buchstäblich alles neu

Wie schwer muss es da sein, so grundlegend umzulernen? Neues Alphabet, andere Grammatik. Aber Ali ist guter Dinge. Ein Jahr lang lebt der 17-Jährige schon in Österreich. Den kleinen gelben Langenscheidt hat er stets zur Hand. „Und wie heißt der Artikel?“ „Der Tourist“, tönt es aus der ersten Bank, und Alona wirft Ali einen dankbaren Blick zu. „Er holt mich jeden Morgen im Büro ab.“ Dann steht der junge Afghane vor ihrer Tür und fragt: „Ist es nicht Zeit?“ Alona Neuberger mag ihre Schüler sehr. Auch wenn sie ihr viel abverlangen.Sie selber hat fünf Jahre lang in der Ukraine als Lehrerin gearbeitet. 2010 kam sie als Au-pair nach Vorarlberg, hat sich verliebt und blieb.

Derzeit unterrichtet sie mit Verena Gmeiner (22), die ihr soziales Jahr bei der Caritas ableistet, 20 jugendliche Asylwerber. „Die Niveaus sind sehr unterschiedlich. Ein paar haben noch gar nie eine Schule besucht und können auch nicht lesen.“ Deshalb haben Alona und Verena ihre Schüler in zwei Gruppen geteilt.

„Unser Ziel ist nicht die lückenlose Beherrschung der Grammatik“, schüttelt Alona den Kopf. „Wir sprechen über Themen, die sie interessieren, wie Sexualität oder Sucht.“ Oder eben über das Reisen. Nasrat (15) liest vor, was er heute gelernt hat: „Der Zug, das Gleis, die Reise . . .“ Für das Wort „Flugzeug“ hat Alona ein ebensolches auf die Tafel gemalt. Jetzt ahmt sie mit ausgebreiteten Armen und entsprechendem Geräusch eine Landung nach. Die Jungs lachen. Vielleicht dürfen sie das eines Tages auch: als Touristen reisen.

Ali ist mit seiner Familie nach Österreich geflohen. Seit acht Monaten lebt er in Vorarlberg und lernt eifrig die neue Sprache.
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Deutsch und Farsi: Fremder könnten Schrift und Sprache nicht sein.
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