Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Süße Lügen

Vorarlberg / 02.01.2013 • 21:05 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Sie wissen ja, wie sehr Frau Ammann an Weihnachten hängt. Ich möchte jetzt nicht Heinrich Bölls fein beobachtende Satire bemühen, aber Frau Ammann hat, mit Verlaub, auf so manche Liturgiereform gepfiffen und hält weihnachtliche Atmosphäre bis Maria Lichtmess für durchaus legitim. Jetzt lachen Sie mich aus, ich seh’s Ihnen doch an, sagt sie. Lachen Sie nur. Ich lache doch nicht, sag ich, nie im Leben wär ich einer, der über den 24. Dezember auf die Seychellen fliegt. Weihnachten im Sommer ist todtraurig.

Ostern auf Hawaii, okay, das ginge vielleicht, aber Heiligabend in den Tropen, unmöglich. Denkt doch an die hohlen Stimmen, wenn hiesige Radiomoderatoren am Nachmittag des 24. die Auslandsvorarlberger in Rio oder Sidney anrufen, um deren Stimmungen abzufragen. Reine Tristesse. Seit ich denken, kann war das Fest für mich der Inbegriff von Heimeligkeit und Familiennest. Frau Ammann nickt. Das Christkind gibt’s, das seh ich in den Augen meiner Enkele, sagt sie. Eines Tages werden sie uns sowieso alle süßen Lügen verzeihen. Diesmal war noch alles im Reinen. Keine Fragen nach der Wahrheit. Und bis Dreikönig bleibt der Baum, basta.

Ich weiß, das Fest kann auch dunkel sein, sagt sie, der unglückliche Mann holt die Axt aus dem Keller und spaltet seiner Frau den Schädel oder umgekehrt. Weihnachten ist auch ein Glassturz, der sich über die Menschen legt, das hält nicht jeder aus, in manchen Häusern wird am heiligsten aller Abende die Büchse der Pandora geöffnet, um alle bösen Geister frei zu lassen. Die Seele hat das Jahr über die Schnauze gehalten oder gelogen, und gerade wenn alle sich rührselig ums wärmende Feuer scharen, platzen die Kragen. So sind sie halt, die Menschen, erst, wenn’s ruhig wird, kommt er, der Infarkt.

Frau Ammann lehnt sich zurück an die Sonnenstufen, lässt einen flachen Stein über den Emsbach tanzen. Es ist warm wie im Frühling, die Nase rinnt, die Augen brennen, irgendwas will schon blühen, sagt sie, die Natur wälzt sich auf die andere Seite, streckt sich, schmatzt, schlaf weiter Baby, deck dich ordentlich zu, dick und weiß. Frau Ammann will endlich wieder Schnee, einen ordentlichen U- Nägler und der Raureif soll klirren in der Nacht. Alles muss wieder wahrhaftiger werden sagt sie, auch der Winter.

reinhold.bilgeri@vn.vol.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher,
er lebt als freischaffender Künstler in Dornbirn.
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