Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

In den Prater nimmermehr

Vorarlberg / 06.03.2013 • 20:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Immerhin: Diesmal mussten wir nicht in den Prater. Letztes Mal, als die Schwestern und Nichten da waren, mussten wir in den Prater. Ich mag den Wurstlprater nicht. Der Prater ist nichts für mich. Ich brauche keinen Prater. Wenn man in Wien lebt, hat man, spätestens, wenn die Kinder sechs oder sieben sind, so viele Stunden mit einem schmerzhaft ins Gesicht geschmiedeten aufmunternden Grinser am Rande von Kart-Bahnen, Pony-Koppeln, Riesentrampolinen, Hüpfburgen, Karussellen aller Art und in Märchen- und anderen Bahnen verbracht, dass man eigentlich für den Rest seines Lebens damit bedient ist, vielen Dank auch, hab’s gesehen, hab’s gemacht. Abgesehen davon, was das alles kostet, plus zwei Kinder beim Dosenschießen zwanzig Mal vorbeischießen zu lassen. Und das viele Eis. Und die viele Zuckerwatte. Und die Ansichtskarten mit dem eigenen Foto drauf und die vielen süßen kleinen Kuschelanhänger, mooooiii!!, was was ich. Vermögen, sag ich nur, Vermögen.

Dieses Mal, als die Schwestern und Nichten da waren, mussten wir nicht in den Prater, weil wir letztes Mal im Prater waren. Sagen wir so: Ein ziemliches bisschen Todesangst trug einiges dazu bei, dass wir diesmal stattdessen eislaufen waren, im Kunst-Museum und Powershoppen. Weil wenn man einmal sechs neun- bis 13-jährige Kinder ins Blumenrad hat sitzen lassen, um erst, während die Gondel in unendliche Höhen aufsteigt, zu bemerken, dass die Kinder darin von nichts gesichert sind als von einem kniehohen Geländer, vergisst man das nicht mehr. Vor allem nicht, weil das Rad nicht nur einmal ganz langsam rundherum fährt, sondern drei mal die Runde macht, bis man die Kinder blass und vor Dankbarkeit stammelnd wieder in den Arm nehmen kann. Gütiger Himmel. Und als dann noch zwei der Kinder heulend und weinend aus der Geisterbahn gelaufen kamen, in die sie davor unununbedingt wollten, war auch von dieser Seite kein Druck zu befürchten. Danke. Niemals wieder Wurschtlprater, wenn’s geht. Grüner Prater, ja, aber das Dingelingbummbumm brauchma nimmer.

Stattdessen wurde die Stadt also von einer anderen Seite her aufgezäumt: Alle waren zufrieden, niemand hatte
Todesangst und ein paar Leiberl und Hosen und ein bisschen Glitzerzeug wurde dabei gleich auch noch aus der Stadt Richtung Ländle verbracht. Gut war, dass der Besuch stattfand, bevor die verhuschte Wiener Tante sich infolge einer Verkettung unglücklicher Umstände den Knöchel doppelt brach und dann zwölf Tage quasi ans Bett geliegegipst war. Sagen wir, es war Mutters altes Simplon dran beteiligt, ein Stöckelschuh und drei Achterl vom Gemischten Satz vom Weinbauer Christ. Aufsteigen, abrutschen, umknicken, aua. Pech. Aber bis die nächstes Mal kommen und wir nicht in den Prater gehen, ist das alles längst wieder gut.

doris.knecht@vn.vol.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.