Begegnungen der stilleren Art

Vorarlberg / 19.03.2013 • 21:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Betreuung behinderter Senioren folgt eigenen Regeln. Sabine Ill (l.) kennt sie. Fotos: VN/Paulitsch
Die Betreuung behinderter Senioren folgt eigenen Regeln. Sabine Ill (l.) kennt sie. Fotos: VN/Paulitsch

Im Jesuheim in ­Lochau werden schon seit Langem betagte ­Behinderte betreut.

Lochau. Was das Land jetzt auch offiziell plant, nämlich die Betreuung von Senioren mit Behinderung in Pflegeheimen, wird im Jesuheim Lochau bereits seit der Inbetriebnahme 1927 praktiziert. Die meisten der Behinderten kamen als Kinder. Wie Peter, der damals knapp zwei Jahre alt war. Seit 1962 ist die Ordenseinrichtung das Zuhause des körperlich und geistig beeinträchtigten Mannes. Seit Dezember jenes von Mathilde. Sie lebte vorher in einer Wohngemeinschaft der Lebenshilfe. Insgesamt sind es 12 Menschen mit Behinderung, die im Jesuheim wohlumsorgt werden.

Hier passen die Strukturen, weil sie mitgewachsen sind. Aber auch die Erfahrung machte klüger. „Früher gab es eine stärkere Durchmischung“, erzählt Pflegedienstleiterin Gertrud Weber. Vor fünf Jahren wurde, im Zuge einer Umsiedlung der behinderten Bewohner in einen anderen Teil des Gebäudes, aber doch eine eigene Wohngruppe eingerichtet. „Die Betreuung betagter Menschen mit Behinderung muss gezielt und vor Ort stattfinden“, begründet Weber diesen Schritt.

Neben den teils sehr unterschiedlichen Bedürfnissen gibt es noch weitere Gründe, die zuweilen gegen gemischte Gruppen sprechen. „Die Generation der heutigen Heimbewohner ist nicht mit Behinderten aufgewachsen“, nennt Heimleiterin Marion Bumberger einen Umstand, der Konfliktpotenzial birgt. Deshalb sprechen sich die beiden Frauen zwar für Inklusion im Pflegeheim aus. „Doch nicht in jeder Gruppe und nicht verpflichtend.“ Die Situation müsse jeweils individuell betrachtet werden.

Gemeinsame Aktivitäten

Ein Zusammensein ermöglichen im Jesuheim hausinterne Aktivitäten wie das Malen.

Vier Frauen, unter ihnen Mathilde, sitzen an einem großen Tisch und lassen ihrer Fantasie mit Farben freien Lauf. Alle zeigen Spaß an dem, was sie tun. Lachen, gelöste Stimmung. Mathilde hat bunte Blumen und eine grüne Wiese gemalt. „So schön wird es draußen bald wieder sein“, meint sie versonnen und blickt in den Winter hinaus. Auch im Frühstücksraum des Hauses „Lochau I“ treffen sich Heimbewohner mit und ohne Behinderung. Doch es sind Begegnungen der anderen, der eher stillen Art.

An Personal stehen zwei in Behindertenbegleitung ausgebildete Diplom-Sozial­betreuerinnen zur Verfügung. Sie wurden zusätzlich eingestellt. Die öffentliche Hand zahlt dafür einen Zuschuss. Zudem bringen sich in Altenarbeit ausgebildete Diplompflegekräfte ein. „Im Umgang mit hochbetagten Behinderten braucht es Fachlichkeit“, so Marion Bumberger. Der Pflegedienstleiterin kommt die Vernetzung von Altenpflege und Sozialbetreuung gelegen, weil „dieser Wissenstransfer für alle nur positiv sein kann“.

Verstärkte Spezialisierung

Das Jesuheim will sich künftig noch stärker spezialisieren und vermehrt ältere Menschen mit Behinderung aufnehmen. Die Größe des Hauses biete diese Möglichkeit. Mit 108 Bewohnern und über 100 Beschäftigten ist das Jesuheim das größte Pflegeheim im Land. Was Heimleitung und Pflegedienstleitung klargestellt haben möchten: „Auch in Pflegeheimen gibt es die Selbstbestimmung.“ Diese war, wie berichtet, von Lebenshilfe-Geschäftsführerin Michaela Wagner als Replik auf die Pläne des Landes moniert worden.

Auch in Pflege­heimen gibt es die Selbstbestimmung.

Gertrud Weber
Andreas lebt seit 1973 im Jesuheim in Lochau.
Andreas lebt seit 1973 im Jesuheim in Lochau.
Grete ist beim Zusammenfalten der Wäsche ganz in ihrem Element.
Grete ist beim Zusammenfalten der Wäsche ganz in ihrem Element.
Mathilde hat sich im Jesuheim gut eingerichtet.
Mathilde hat sich im Jesuheim gut eingerichtet.