„Politik heizt Vorurteile an“

Vorarlberg / 19.03.2013 • 21:13 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Scherr beschäftigt sich seit den 1990ern mit Rechtsextremismus.
Scherr beschäftigt sich seit den 1990ern mit Rechtsextremismus.

Albert Scherr im VN-Interview über Fremdenfeindlichkeit.

Schwarzach. (VN-ger) Nach dem Brandanschlag auf das Flüchtlingshaus in Batschuns: Der Soziologe und Direktor des Instituts für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg referiert heute, Mittwoch, ab 20 Uhr, am Dornbirner Spielboden über den Umgang mit jungem Rechtsradikalismus.

Alkoholverbot statt U-Haft für den Haupttäter von Batschuns. Ein richtiges Signal?

Albert Scherr: Solange keine strafrechtliche Verurteilung erfolgt ist, kann Untersuchungshaft nur bei Flucht- und Verdunklungsgefahr verhängt werden. Ich kann nicht einschätzen, ob das der Fall ist. Und es wäre aus meiner Sicht problematisch, eine Gesinnungsjustiz zu fordern, die politische Signale setzt.

Vorarlbergs Grüne fordern die Schaffung eines „Kompetenzzentrums gegen Rechts­extremismus“. In Deutschland gibt es solche Einrichtungen bereits. Wie sind die Erfahrungen damit?

Scherr: Aussteigerprogramme haben sich bewährt, sie sind aber nur ein Mittel unter anderen. Und: Sie können niemanden motivieren, auszusteigen, sie können nur denjenigen helfen, die aus irgendwelchen Gründen aussteigen wollen.

Umfragen in Deutschland belegen, dass Asylwerber mit besonders ausgeprägten fremdenfeindlichen Vorurteilen konfrontiert sind.


Scherr: Das dürfte in Österreich nicht anders sein. Der Hauptgrund ist: Asylbewerber sind seitens der Politik und einflussreicher Medien immer wieder als „Scheinasylanten“ denunziert worden, die „uns“ ausnutzen wollen. Die reichen Länder Europas verweigern sich konsequent einer ernsthaften und rechtschaffenen Auseinandersetzung mit der Situation von Flüchtlingen. Stattdessen betreiben sie eine Abwehrpolitik, die Vorurteile anheizt.

Beobachten Sie unter Jugendlichen vermehrt eine Ausbreitung rechter Tendenzen?


Scherr: In Deutschland sind ältere Erwachsene stärker rechts als Jugendliche. Jugendliche fallen in der Öffentlichkeit nur mehr auf. Sie machen das sichtbar, was in der Erwachsenengesellschaft verbreitet ist.

Dringt rechtsextremes Gedankengut immer mehr in die Mitte der Gesellschaft vor?

Scherr: Das Problem bewegt sich seit vielen Jahren auf gleich hohem Niveau. Auch in Österreich sind wir schon seit 20 Jahren mit dem Problem des neuen Rechtsex­tremismus und -populismus konfrontiert.

Sie sagen, die Fixierung auf die extremen Erscheinungsformen und die damit zusammenhängenden kurzfristigen Wellen der Empörung sind Teil des Problems. Wie sollte mit dem Thema umgegangen werden?

Scherr: Es muss kontinuierlich daran gearbeitet werden, rechtsextreme und rassistische Tendenzen zurückzudrängen. Kurzfristige Aktionen und Programme, die dann gleich wieder abgebrochen werden, wenn sich die Öffentlichkeit beruhigt hat, helfen nichts.

Kann man Fremdenfeindlichkeit abtrainieren?

Scherr: Nein. Aber man kann durch Bildungsarbeit vieles dazu beitragen, dass die Ideologien, die Lügen und der Hass der extremen Rechten durchschaubarer werden. Schulen und Jugendarbeit können einiges dafür tun, dass Jugendliche den in Österreich so populären Rattenfängern nicht auf den Leim gehen.