Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Psychologie des Namens

Vorarlberg / 20.03.2013 • 20:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Was hat unser Name mit der Persönlichkeit, mit unserem Verhalten und Schicksal zu tun? Wie soll er, da wir ihn ja nicht selbst ausgesucht haben, unser Leben beeinflussen? Tatsächlich weisen zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen einen verblüffenden Zusammenhang zwischen Charakter, persönlichen Eigenschaften, Berufs- oder Partnerwahl, ja der ganzen Identität und dem Namen nach. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Personen, deren Initialen die Buchstaben PIG (Schwein) oder DIE (sterben) umfassen, statistisch 7 Jahre weniger lang leben als solche mit JOY (Freude)? Ist es ein Zufall, dass sich Sigmund Freud zeit seines Lebens mit der „Lust“ befasste und Michael Ballack das Ballspiel zu seinem Beruf machte? Weshalb studieren „George“ überdurchschnittlich häufig Geografie und warum wählen „Denise“ so oft den Beruf des Dentisten? In den USA wurde beobachtet, dass sich auf „Louise“ getaufte Frauen sehr häufig in Louisiana und Männer namens Philip in Philadelphia niederlassen. Die Namensähnlichkeit soll sogar das Konsumverhalten bestimmen, wenn etwa Frauen mit dem Namen Corinna Cola und Männer, die auf Peter hören, Pepsi bevorzugen. Wie sehr der Vorname das Urteil anderer beeinflusst, zeigt sich, wenn Tests von Schülern namens „Maximilian“ trotz identer Ergebnisse besser bewertet werden als jene von Prüflingen mit einem proletarisch wirkenden Rufnamen.

Wenngleich man wissenschaftliche Aussagen dieser Art nicht überinterpretieren soll, scheinen Namen keinesfalls Schall und Rauch zu sein. Vielmehr dürfte das Wort „Nomen ist Omen“ stimmen. Bereits durch die Erwartungshaltung der Namensgeber erhalten wir ein Muster für das ganze Leben. Der Name ist mehr unbewusster Zwang als bloße Lebensmelodie.

Die determinierende Kraft des Namens ist noch viel stärker ausgeprägt, wenn man ihn selbst wählen kann. Dann wird die Wahl zum Bekenntnis, zur Richtlinie, zum Programm. Franziskus steht für Armut, Bescheidenheit, Demut und Volksnähe. Das Namensvorbild, der „mindere Bruder“ aus Assisi, hat uns die Achtung vor jeder Kreatur gelehrt und erfolgreich den Dialog mit den anderen Religionen gesucht. Er war, was oft vergessen wird, ein großer Reformator. Durch sein radikal gelebtes Christentum ist es ihm gelungen, die in Macht und Pracht erstarrte Kirchenführung zum Volk herunter zu holen. Wenn nun einer der geistig-elitären Jesuiten als Papst den Namen des Gründers eines Bettelordens wählt, bedeutet dies für ihn Verpflichtung und für uns Hoffnung.

reinhard.haller@vn.vol.at
Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.
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