„Mit den einen geht es, mit den anderen nicht“

Vorarlberg / 21.03.2013 • 22:08 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die „Stadt in der Stadt“ besteht aus ineinander verschachtelten Wohnblocks.
Die „Stadt in der Stadt“ besteht aus ineinander verschachtelten Wohnblocks.

Achsiedlung: Wo so viele Menschen auf engem Raum leben, entstehen auch Konflikte.

Heidi Rinke-Jarosch

BREGENZ. Kinder laufen mit ausgestreckten Armen in Schlangenlinien durch die Gänge, welche die Häuserblocks verbinden. Eine Frau ruft „Miezle! Miezle! Wo bischt denn?“ und stöbert im Gebüsch. Sie sucht ihre Katze. Mit dem Handy am Ohr lehnt ein Jugendlicher an einer Hauswand. Ein Taxi fährt die Rampe hoch, die zum 55er-Block führt.

Erbaut in den Jahren 1974 bis 1977, ist die Achsiedlung am Ende von Bregenz Lebensraum für 2600 Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten und Nationalitäten. Gut Situierte wohnen in den ineinander verschachtelten Häuserblocks genauso wie Sozialhilfeempfänger. Vorarlberger Urgestein ebenso wie Flüchtlinge aus Tschetschenien. Es gibt dort Linksextremismus, Rechtsextremismus, Vandalismus, Kriminalität, Nachbarschaftskonflikte – aber auch Zusammenhalt. „Bei den Bewohnern ist das so: Mit den einen geht es, mit den anderen nicht“, sagt Kurt Rabitsch. „Es gibt Leute, die tun und lassen, was sie wollen. Aber wir sind hier eine Gemeinschaft. Und wer hierher zieht, muss sich an die Regeln halten.“

Der gelernte Tischler zog mit seiner Familie 1977 in die Achsiedlung und war von 2005 bis 2010 als Hausmeister beschäftigt. Zu seinen Aufgaben gehörte es, den ihm zugewiesenen Siedlungsbereich – die Blocks 45 bis 91 – sauber zu halten und dafür zu sorgen, dass alles funktioniert. „Wasser, Strom, Heizung“, zählt er auf. Außerdem habe er sich um die Jugendlichen gekümmert, die nachts durch die Siedlung streunten, und dadurch oft Vandalismus verhindern können. „Als ich noch Hausmeister war, wurden die Gemeinschaftsregeln noch eingehalten“, konstatiert Kurt Rabitsch. „Doch das ist längst nicht mehr der Fall.“

Problematisch seien zum Beispiel die Abfallentsorgung – „die Müllsäcke werden einfach irgendwo in der Siedlungslandschaft deponiert“ – und die sich in letzter Zeit exorbitant vermehrenden Hunde. „Viele laufen frei herum und kacken überall hin“, regt sich Kurt Rabitschs Ehefrau Ingrid auf. „Es gibt schon Leute, die ihre Hundehaufen einsammeln und in ein dafür vorgesehenes Säckchen geben. Aber das Säckchen wird oft in die Büsche geworfen.“ Und dann die Lärmstörungen. Diese, klagt Ingrid Rabitsch, würden meist von (noch) nicht einheimischen Mitbewohnern verursacht. „Sie befolgen die Hausordnung nicht. Beschwert man sich, gilt man als ausländerfeindlich.“ Und wenn man sich nicht alles gefallen lasse, sei man Beschimpfungen und Morddrohungen ausgesetzt. Überhaupt gebe es keine Anlaufstelle, an die man sich bei aufkommenden Schwierigkeiten wenden könne. „Es ist einfach niemand zuständig.“

Doch, es gibt Zuständige: Zwei bei der Stadt Bregenz angestellte Gemeinwesen-Arbeiter im Stadtteilbüro Achsiedlung sind die Anlaufstelle für die Anliegen der Bewohner. Bettina Gorbach und Heinz Rhomberg informieren über die Siedlungsangelegenheiten und organisieren soziale Aktivitäten wie „Interkulturelles Kochen“. Ziel ist es unter anderem, durch die kommunikative Arbeit mit bzw. für die Bewohner das Image der Achsiedlung aufzuwerten. Kurt Rabitsch winkt ab: „Vorbeugend tun die dort überhaupt nichts.“

Westend trifft Jugend

„Ich hatte hier noch nie Probleme“, sagt Nico Sallmayer. Der 22-jährige Billard-Landesmeister ist in der Achsiedlung aufgewachsen, lebt dort gern und kann nicht nachvollziehen, warum dieser Ort einen so schlechten Ruf hat. Er selbst hat in seiner Kindheit viel Zeit im Jugendtreff Westend verbracht. „Dort kommt man gar nicht auf die Idee, irgendwas anzustellen, weil man ständig mit Sinnvollem beschäftigt ist. Eine wirklich tolle Einrichtung“, lobt er. Im Westend bietet die Leiterin Rita Mittelberger seit 22 Jahren jungen Achsiedlern ein soziales Umfeld, in dem deren Bedürfnisse wahrgenommen werden. „Die Kinder und Jugendlichen werden dort wunderbar betreut und davon abgelenkt, Unsinn zu machen.“

Im Westend ist Nico Sallmayer zum ersten Mal mit dem Billard-Spiel in Berührung gekommen. Inzwischen hat er fünf Landesmeisterschaften gewonnen.

Als ich noch Hausmeister war, wurden die Gemeinschaftsregeln noch eingehalten.

Kurt Rabitsch
In der Achsiedlung wachsen Kinder unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schichten auf.
In der Achsiedlung wachsen Kinder unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schichten auf.