Eine ziemlich leise Prozession

Vorarlberg / 22.03.2013 • 21:46 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Herma Hagspiel (r.) hat mit ihrer Gruppe einen Nachmittag lang wunderschöne Palmbuschen gebunden. vn/ps
Herma Hagspiel (r.) hat mit ihrer Gruppe einen Nachmittag lang wunderschöne Palmbuschen gebunden. vn/ps

Still und doch unüberhörbar feiern Gehörlose ihren Palmsonntag schon heute.

Dornbirn. (VN-tm) Es muss schon ein ungeheurer Wirbel geherrscht haben, damals in Jerusalem, wenige Tage vor dem Paschafest. Zur Erinnerung ziehen heute noch Kinder und junge Familien mit großem Vergnügen am Palmsonntag in die Kirche ein. Stolz halten sie die Palmbuschen in die Höhe, die sie gebunden haben. Wenn Herma Hagspiel (59) mit ihrer Gruppe heute, am Samstagnachmittag, um 14 Uhr den Palmsonntag quasi vorwegnimmt, geschieht das ungleich viel leiser. Aber auch die Gehörlosen tragen handgefertigte Kostbarkeiten zum Altar in Dornbirn-Haselstauden.

Alois Bernhard (61) und Walter Hagspiel (61) sind schon fertig. Kleine Brezeln und sogar einen Apfel haben sie ihrem Palmbuschen angedeihen lassen. Wo sie die schönen Buchsbaumzweige herhaben? Da tauschen sie Bubenblicke und zupfen eifrig bunte Bänder zurecht, als wäre die Frage nicht an sie gerichtet. Die kleine Gruppe älterer Gehörloser legt sich an diesem Nachmittag mächtig ins Zeug. Die meisten Palmbuschen binden sie klein, „damit man sie später im Herrgottswinkel hinters Kruzifix stecken kann“, sagt Herma Hagspiel.

Walter hat im Gegensatz zu seiner Frau Herma nie hören können. Er liest ein wenig von den Lippen ab. Wer richtig mit ihm reden möchte, sollte dazu die Finger gebrauchen: So wie Anne Franke, die beim vorgezogenen Palmsonntagsgottesdienst als Gebärdendolmetscherin dem Pfarrer zur Seite stehen wird.

Nach 32 Jahren Stille

Herma fiel mit 13 Jahren vom Heuwagen herab in die Welt der undurchdringbaren Stille. Sie verletzte sich schwer: „Vier, fünf Monate später bin ich total taub gewesen.“ Das erzählt sie ganz normal. Nicht irritierend laut, wie man das bei Hörbehinderten oft antrifft. Denn Herma Hagspiel hat nach 32 Jahren völliger Taubheit mittels Implantaten ihr Gehör zurückerlangt.

„Komisch“ sei das gewesen, erinnert sie sich. Alles hat sie um die Jahrtausendwende wieder lernen müssen. Die ersten Geräusche wird sie nie vergessen: Ein Löffel, der an ein Glas schlägt. Papier, das zerknittert wird. „Das hab ich gleich unterscheiden können.“ Ein Funken der Freude von damals glimmt noch. Ihre erste Empfindung? „Es war gewaltig, wieder etwas gehört zu haben.“

Heute leitet sie die Gruppe gehörloser Pensionisten mit Freude und engagiert sich in der Gehörlosen-Seelsorge. So schließt sich der Kreis. Herma unterzieht den nächsten Palmbuschen einer kritischen Prüfung, ehe sie einen Zweig Palmkätzle leicht zurecht stutzt und das Werk anerkennend nickend zu den anderen legt.

Schön wird das aussehen auf dem Vorplatz von Dornbirn-Haselstauden. Selbst der 94-jährige Anton Holzer hat einen Buschen gebunden. Welche Gedanken und Wünsche sie alle klammheimlich am Samstag in die Kirche tragen? Herma und Walter legen jedenfalls ein dickes Dankeschön dazu. Sie haben drei Kinder „und vor vier Wocha
a Enkele kriagt, wo gsund isch und hört“.

Es war gewaltig, wieder etwas gehört zu haben.

Herma Hagspiel

Stichwort

Palmsonntag

Mit dem letzten Sonntag der Passionszeit beginnt die Karwoche. An diesem Tag feiert die Kirche den Einzug Jesu in Jerusalem. Zum Zeichen seines Königtums streute das Volk – so steht es im Neuen Testament – dem nach Jerusalem kommenden Jesus Palmzweige und jubelte ihm zu. Im zwölften Kapitel des Johannesevangeliums wird die Szene beschrieben. Die Menschen rufen: „Hosanna! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn, der König Israels!“ Jesus aber deutet wenig später die bevorstehende dramatische Wende an in Sätzen wie „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird“ und „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Die katholische Kirche gedenkt dieser Ereignisse mit Prozessionen. Palmkätzchenzweigen werden geweiht, sie sollen Unheil abwehren; deshalb werden sie zu Hause in den „Herrgottswinkel” gestellt oder am Kruzifix befestigt.