Großer Bahnhof

Vorarlberg / 22.03.2013 • 18:21 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ja, es war schon beeindruckend, so viele Staatsmänner, Regierungsmitglieder aus aller Herren Länder, gekrönte Häupter usw. bei der Amtseinführung des neuen Papstes Franciscus in Rom sehen zu können. Zu einem solchen Event muss alles vorbereitet sein, genaue Pläne werden ausgearbeitet, wo jeder zu stehen oder zu sitzen hat, wann der bei der Begrüßung drankommt, um dem neuen Papst die Hand zu schütteln usw., usw. Und dann die Aufregung, dass wirklich alles klappt und nichts danebengeht! Nein, ein „großer Bahnhof“ ist wirklich keine Kleinigkeit.

Einzug in Jerusalem

Am Palmsonntag erinnern wir uns daran, wie Jesus in Jerusalem auch einen „großen Bahnhof“ erlebte. Dabei ging alles ohne Programm. Palmzweige wurden abgerissen, Kleider auf die Straßen gelegt, damit der, der da auf einem Esel geritten kommt, möglichst staubfrei in die Stadt hineinkommt. Das einfach Volk jubelte ihm zu; König nannten sie ihn, und diejenigen, die ihn eigentlich hätten empfangen sollen, die Priester und die Schriftgelehrten (die über „Gesetz und Ordnung“ wachten), standen „in der zweiten Reihe“, boshaft und eifersüchtig. Sie halten sich „innerlich“ die Ohren zu, als sie hören müssen, dass das Volk in Jubelrufe ausbricht. „Verbiete ihnen das!“, rufen sie Jesus zu. Doch Jesus, so scheint es, genießt diesen Triumphzug, wohl wissend, dass diese euphorische und jesusbejahende Stimmung in wenigen Tagen völlig umschlagen wird und in einem von vielen Kehlen herausgebrüllten „Kreuzige ihn!“ münden wird. Und mittendrin dieser Jesus Christus, durch den deutlich wird, dass Gott aufhört „ein gemütlicher Onkel“ zu sein. Ein Gott, der sich in seiner Radikalität der Liebe für alle hingibt: Er lässt sich für vogelfrei erklären, lässt sich von einem chronischen Geizhals (Judas) denunzieren, er lässt sich von den „religiösen Führern“ schikanieren , lässt sich vom Operettenkönig Herodes einen Clownrock umlegen, lässt sich ohrfeigen, anspucken, treten, lässt sich von Pilatus ein billiges Volkstheater vormachen, lässt sich einem Mörder vorziehen, lässt seine Ehre in Fetzen reißen, lässt sich dann zwischen zwei Gangstern am Galgen, am Kreuz, aufhängen – auch ein „großer Bahnhof“.

Endstation Kreuz

Nein, das Kreuz ist kein „Firmenschild“; das Kreuz ist auch keine Angelegenheit für reklametüchtige Bestatter, in Bronze patiniert. Das Kreuz ist auch kein Schmuckstück am Hals, am Ohr, und weiß Gott wo noch. Das Kreuz wird zum Zeichen des Lebens gegen alles, was tot machen kann: Gott liebt die Welt und uns Menschen über alle Maßen; Gott schließt Freundschaft mit allen Geschundenen, Gequälten, Verhöhnten; mit allen an den Rand gedrängten, gedemütigten, ausgenützten und fertiggemachten Menschen. Vielleicht finden wir in den kommenden Tagen der Karwoche einmal ein paar Minuten Zeit, uns hineinzudenken in dieses christliche Symbol des Kreuzes. Wir können unser eigenes, manches Mal mühsames Leben, durch das wir uns selbst und anderen auch die verschiedensten Kreuze auflegen, selber Menschen annageln oder fertigmachen, im Lichte des Kreuzes überdenken. Und vielleicht kommt uns als Ahnung gerade in solchen Situationen dieser „große Bahnhof“ Jesu entgegen: Ich habe das alles (für euch) überwunden, damit ihr leben könnt! Ach ja, und das feiern wir ja dann an Ostern! Einen „größeren Bahnhof“ gibt es nicht! In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine gesegnete Karwoche!

Roland Trentinaglia, Pfarrer in Hörbranz und Hohenweiler
Roland Trentinaglia, Pfarrer in Hörbranz und Hohenweiler