Nach Messerattacke auf Eltern in die Psychiatrie eingewiesen

Vorarlberg / 22.03.2013 • 22:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
30 Fachärzte haben den 29-Jährigen mittlerweile begutachtet. Die einhellige Diagnose: Schizophrenie. Foto: VN/Steurer
30 Fachärzte haben den 29-Jährigen mittlerweile begutachtet. Die einhellige Diagnose: Schizophrenie. Foto: VN/Steurer

Schizophreniekranker kann nichts für die Taten, dennoch ist er äußerst gefährlich.

Christiane Eckert

Feldkirch. Ende September attackierte der 29-jährige Lustenauer beide Elternteile aus heiterem Himmel mit einem großen Küchenmesser. „Ich war zornig, weil mein Vater in den Urlaub fahren und ein Auto kaufen wollte“, gibt er bei seiner Vernehmung an. „Ich wollte ihn abstechen und das habe ich getan. Meine Mutter wollte ich verletzen, weil sie uns trennen wollte“, führt er weiter aus. Die Geschworenen qualifizieren die Anlass­taten als Mordversuch und Körperverletzung. Als solche können sie dem Betroffenen aber nicht zugerechnet werden, denn er war nicht zurechnungsfähig. Selbst seinen Zustand bei der Einvernahme durch die Polizei bezeichnet Gerichtspsychiater Reinhard Haller als „nicht aussagetüchtig“. Zum einen könne der Mann Dinge kaum verbalisieren, zum anderen sei er so verwirrt, dass er auf ein und dieselbe Frage völlig unterschiedliche Antworten gebe, sagt Haller. Die beiden Elternteile, der Vater ist 49, die Mutter 48 Jahre alt, hatten großes Glück. „Papa war im Pyjama und sah fern“, erinnert sich der Betroffene. So war das Opfer völlig überrascht, als sein Sohn ihn plötzlich attackierte.

Der Vater wurde schwer verletzt und musste notoperiert werden. Die Mutter, die ebenfalls drei Stiche abbekam, wurde nur leicht verletzt. Heute sind die Wunden verheilt, gegen ihren Sohn aussagen wollen die Eltern im Prozess nicht. Sie wissen, dass er krank ist, und stehen hinter ihm. Vor der Attacke gab es keinen Streit. „Dennoch fühlte der Betroffene eine enorme Spannung, war wehrlos und konnte nicht anders handeln“, erklärt Haller.

Schwer zu verstehen

So schwer die Attacke aus heiterem Himmel zu verstehen ist, für den Psychiater ist sie erklärbar: „Wenn Kinder sich gegen einen Elternteil wenden, liegt zu 70 Prozent eine psychische Krankheit vor. Geht der Angriff gegen beide Elternteile, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 95 Prozent.“ In Vorarlberg werden seit 25 Jahren Tötungsdelinquenten kategorisiert. 18 Prozent davon leiden an einer Psychose. Der Mann, der gestern in eine Anstalt eingewiesen wurde, besuchte als Jugendlicher die Hauptschule und schaffte den Führerschein auf Anhieb. Er hatte einen Job, war verheiratet und ist Vater eines Kindes. Vor zehn Jahren wurde er zunehmend nervös, fühlte Spannungszustände und konnte nicht schlafen. 2005 rief er mit seinem aggressiven Verhalten die Cobra auf den Plan. 30 Fachärzte haben den Patienten mittlerweile begutachtet und es ist klar: Er leidet an Schizophrenie. 2010 war er sogar für ein halbes Jahr stationär im Landeskrankenhaus Rankweil. Als Medikamente nicht griffen, musste man 17 Mal Elektroschocks anwenden. Dies wird unter Narkose gemacht. „Das ist die verzweifeltste Maßnahme, wenn alles andere versagt“, erläutert Haller. „Dem Antrag auf Einweisung wird wohl Folge zu leisten sein“, ist auch Verteidiger Herwig Mayrhofer überzeugt. Die Anlasstaten zu qualifizieren ist seiner Ansicht nach schwierig, weil völlig unklar sei, was sich im Inneren des Mannes abspielte.

Kein Weg vorbei

Auch wenn sich der Betroffene in Rankweil nicht sonderlich wohlfühlt und es ihm dort nach eigener Aussage „langweilig“ ist, muss der Frühpensionist dort bleiben. Ob er nach Rechtskraft der Entscheidung in Vorarlberg bleiben kann, ist offen. Eine Verlegung in den Osten Österreichs wäre für die Kontakte zu seiner Familie äußerst nachteilig. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Das ist die verzweifeltste Maßnahme, wenn alles andere versagt.

Reinhard Haller