Von wegen politikverdrossen

Vorarlberg / 22.03.2013 • 20:19 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

850 befragte Jugendliche aus dem Großraum Dornbirn bezeugen Gestaltungswillen.

Dornbirn. (VN-tm) Elmar Luger und Christian Weiskopf haben im Rahmen ihrer Master-Thesis 850 Jugendliche im Großraum Dornbirn befragt. Die Ergebnisse stimmen zuversichtlich: Durch die Bank sind die Jugendlichen veränderungswilliger, demokratiebewusster und politikinteressierter als ihr Ruf. Die befragten Migranten zeichneten ein zufriedeneres Bild als ihre „Kollegen“ aus der Mehrheitsgesellschaft.

Sie sind 13 oder 14 Jahre alt. Gut die Hälfte lebt in Dornbirn, die andere im Vorarlberger Rheintal. 20 Prozent der 850 befragten Jugendlichen haben eine andere Muttersprache als Deutsch. 55 Prozent sind männlich, 45 weiblich. Wichtig war den Studienautoren, dass alle Lebenswelten vertreten sind. Das spiegelt die Vielzahl involvierter Schulen wider: An Mittelschulen und am Poly, an der Fachschule für wirtschaftliche Berufe, am SPZ, am BORG Schoren, Bundesgymnasium und Sportgymnasium und an der HTL kursierten die Fragebögen. Klassensprecher und -sprecherinnen haben darauf geachtet, dass die Fragekataloge nicht als gefaltete Flugzeuge ein jähes Ende im Papierkorb fanden.

Luger und Weiskopf haben untersucht, wie Schüler der 8. und 9. Schulstufe ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten empfinden, ob sie sich ernst genommen fühlen, inwieweit sie demokratische Entscheidungen mittragen und welche Hilfe sie an ihrem Wohnort und in der Schule erhalten. Die Schuldemokratie ist ja noch ein junges Kind. Schülerbeiräte gibt’s in Österreich erst seit 1971. Vielleicht aber haben die Jungen Politik ja auch generell völlig verdrängt. Oder würden sie doch wählen gehen, wenn der Staat sich morgen neu strukturierte?

In der Demokratie daheim

Das würden sie, und Politik ist ihnen ein Anliegen. 286 Mädchen (80 Prozent von 359) und 368 Burschen (76 Prozent von 482) sind mit Österreichs Demokratie im Großen und Ganzen zufrieden. Ein vergleichender Blick über die Grenze hilft, das Ergebnis einzuordnen: Die Shell
Jugendstudie hat das Potenzial mit der Demokratie unzufriedener Jugendlicher in den alten deutschen Bundesländern auf 30 Prozent, in den neuen Bundesländern sogar bei 50 Prozent veranschlagt.

Mehrheitsentscheide sollten nach Ansicht von 85 Prozent der befragten Vorarlberger Jugendlichen auch dann mitgetragen werden, wenn man persönlich anderer Meinung ist. Aber würden sie selber auch wählen gehen? „Die Bereitschaft ist hoch“, sagt Luger. „361 von 487 Burschen, das sind 74 Prozent, und 73 Prozent bei den Mädchen wollen ihr Wahlrecht später einmal ausüben.“

„Scheinmitsprache“

In der Schule stellen die Studienautoren „ein hohes Maß an Scheinpartizipation“ fest. Selbst bei der Festlegung von Regeln im Unterricht oder der Auswahl von Exkursionen fühlen sich die Jugendlichen nicht ernst genommen.

Kein gutes Zeugnis stellen die Schüler den Vertrauenslehrern, der Schulpsychologie und der Schulsozialarbeit aus. Besonders schlecht erleben sie die Unterstützung durch ihre jeweilige Direktion. Mädchen (44 Prozent) sind weit häufiger mit den Mitbestimmungsmöglichkeiten an ihrer Schule zufrieden als Burschen (24 Prozent). Jugendliche mit migrantischem Hintergrund sind zufriedener (45 Prozent) als Schüler mit Deutsch als Muttersprache (33 Prozent). Die Mitsprache an ihrem Wohnort bewerten beide Gruppen übrigens ganz ähnlich.

Fazit: Elmar Luger, der im Brotberuf die Jugendarbeit der Stadt Dornbirn leitet, nimmt natürlich erfreut zur Kenntnis, dass die Dornbirner Jugendbeteiligung Früchte trägt. Die Politik sollte, findet er, die hohe Bereitschaft der Jugendlichen zur Mitgestaltung ernst nehmen.

Demokratie ist erlernbar, das betont auch Univ.-Prof. Dr. Herbert Dachs von der Universität Salzburg, „und zwar nicht nur durch Wissensvermittlung, sondern durch entsprechendes Handeln, Probieren und schlussendlich durch eigene Erfahrungen“.

Die Bereitschaft, wählen zu gehen, ist erfreulich hoch.

Elmar Luger