„Nach oben wollen sie alle“

Vorarlberg / 24.03.2013 • 19:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Alle erfreuen sich an den Kletterstunden in der Kletterhalle. foto: vn/hofmeister
Alle erfreuen sich an den Kletterstunden in der Kletterhalle. foto: vn/hofmeister

Kinder des Schulheims Mäder sind begeisterte Besucher der Kletterhalle in Dornbirn.

Dornbirn. (VN-mm) David redet nicht, aber Klettern kann er wie eine junge Gams. Auch Sophia, Nendine, Azmina und Dominik bemühen sich, die Wände hochzukommen. Für die Kinder des Schulheims Mäder eine besondere Herausforderung, denn alle sind sie körperlich oder geistig gehandicapt. „Aber“, weiß Simon Weber ganz genau, „nach oben wollen sie alle.“ Seit zehn Jahren ist der Physiotherapeut einmal pro Woche mit einer Gruppe in der Kletterhalle K1 in Dornbirn. Hier trainieren die Mädchen und Buben spielerisch Koordination, Kraft und Ausdauer. Und sie sind mittendrin statt nur dabei. Inklusion hautnah, sozusagen.

Ein Spiel zum Aufwärmen

Mittwochnachmittag: Der Bus des Schulheims Mäder kommt pünktlich an. Die Vorfreude auf zwei Kletterstunden steht den Kindern ins Gesicht geschrieben. Begleitet wird Simon Weber von Yvonne, einer Physio-Praktikantin, und Zivildiener Florian. Geduldig helfen sie den Kindern beim Anlegen der Kletterausrüstung. Was sich nicht immer einfach darstellt. Sophia beispielsweise ist aufgedreht wie eine Spieluhr. Erst, als sich Simon Weber mit ihr in eine ruhige Ecke zurückzieht, gelingt es ihm, dem Mädchen Gurt und Schuhe anzuziehen.

Nach einer geraumen Weile sind alle entsprechend adjustiert. Zum Aufwärmen gibt es ein Katz-und-Maus-Spiel. Schon hier beginnt die Therapie. Die Jagd läuft nämlich im Krabbelmodus ab. „Auf diese Weise werden alle Extremitäten bewegt“, erklärt Simon Weber. Danach geht es ans Bouldern. Das heißt, die Kinder hangeln sich – mit oder ohne Unterstützung – eine niedrige Kletterwand entlang. Um ihnen die Sache schmackhaft zu machen, legen die Betreuer frisches Obst auf die Haltegriffe. Es ist in Windeseile gepflückt.

Mut und Verantwortung

Danach wollen die Kinder mehr, drängen hinauf in den ersten Stock, wo die höheren Wände locken. Gesichert an Seilen arbeiten sie sich konzentriert Tritt für Tritt hinauf. „Zwölf Meter gehen immer“, sagt Simon Weber, während er Azmina kaum merklich ein bisschen hochzieht. Sie freut sich, wieder ein Stückchen geschafft zu haben. Eine solche Wand zu bewältigen, erfordert aber nicht nur Kraft. „Die Jugendlichen entwickeln auch Mut sowie Bereitschaft, sich anzustrengen, und Vertrauen in ihre Fähigkeiten“, erzählt der Physiotherapeut. Dass die Betreuer zugtechnisch zuweilen etwas nachhelfen, tut der Leistung keinen Abbruch. Gleichzeitig lernen die Kinder, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Etwa, wenn sie bei der Sicherung eines Kameraden mithelfen.

Zwar steht im Schulheim Mäder eine Kletterwand zur Verfügung. Doch Simon Weber sucht mit den Kindern und Jugendlichen bewusst die Öffentlichkeit einer Kletterhalle. „Hier erhalten sie auch Anerkennung von außen.“ Zu Recht, wie sich zeigt.

Nicht nur das Schulheim Mäder nützt das Klettern für therapeutische Zwecke. Verschiedene Physiotherapeuten geben ebenfalls regelmäßig Therapiestunden in der Kletterhalle. Im Bereich der Physiotherapie wird Klettern unter anderem als präventive Maßnahme zur Stärkung von Rücken- und Bauchmuskulatur eingesetzt.

Auch gut für die Psyche

Ebenso eignet sich Klettern für Kinder und Jugendliche mit Wahrnehmungsstörungen und anderen motorischen Beeinträchtigungen. Es werden Basissinne wie Gleichgewichtssinn, Körpersinn und Tastsinn angesprochen. Und Klettern fördert Konzentration sowie koordiniertes, logisches Denken. Selbst die Psychotherapie nützt die Möglichkeiten des Kletterns. Denn Klettern lehrt, mit den eigenen Grenzen umzugehen. Die Gefühle von Sicherheit und Risiko werden erlebbar – durch Halten und Gehalten-Werden. Klettern kann als therapeutische Ergänzung bei Depressionen oder zur Bearbeitung von Höhenangst eingesetzt werden.