Langer Weg, um zusammen zu sein

Vorarlberg / 25.03.2013 • 19:46 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Sandra Hämmerle berät Muzafer Kischti (Mitte) bei seiner Familienzusammenführung. Foto: VN/HOFMEISTER
Sandra Hämmerle berät Muzafer Kischti (Mitte) bei seiner Familienzusammenführung. Foto: VN/HOFMEISTER

Muzafer Kischti ist Flüchtling. Das Rote Kreuz hilft ihm, seine Familie nachzuholen.

Feldkirch. Abends nach Hause kommen und in die strahlenden Gesichter seiner vier Kinder schauen; ein liebes Wort seiner Frau Mona hören; einfach zu Hause ankommen: All das gibt es für Muzafer Kischti seit dem 23. September letzten Jahres nicht mehr. Er ist geflohen. Vor politischer Verfolgung durch das Assad-Regime in Syrien. Sein Fall ist einer von vielen im Jahr 2013. Auf der Homepage der Caritas ist zu erfahren, dass seit Ausbruch der Konflikte in Syrien über eine Million Menschen das Land verlassen haben. Allein seit Jahresbeginn seien rund 400.000 Menschen vor Verfolgung geflüchtet.

„Ich war Chef in einem Res­taurant in Aïn Terma. Das liegt in der Nähe von Damaskus. Ich habe gesehen, wie Anhänger des Regimes von Präsident Baschar al-Assad Menschen auf der Straße töteten und liegen ließen. Daher habe ich angefangen, die Oppositionellen mit Essen und Geld zu unterstützen“, berichtet er. „Irgendwann standen dann Regierungsagenten bei mir im Restaurant. Sie haben mir gedroht, dass sie mich und das Restaurant anzünden, wenn ich nicht sofort aufhöre, die Opposition zu unterstützen. Sie waren auch bei meiner Familie zu Hause. Ich wurde mit dem Tod bedroht. Einen Mitarbeiter von mir hatten sie bereits erschossen“, erzählt der 48-Jährige auf Arabisch seinem Dolmetscher Maher Mostafa (45). Sie sitzen im zweiten Stock beim Roten Kreuz in Feldkirch. Vor ihnen auf dem dunkelbraunen, großen Holztisch liegen Papiere – sehr viele Papiere und Dokumente.

Langer Weg nach Österreich

Im Keller seines Hauses versteckte er sich zunächst – ohne Nahrung, ohne Strom. Als die Bedrohung für sein Leben zunahm, entschloss er sich zu fliehen. In einer Nacht- und Nebelaktion ging es mit seiner Frau, den beiden 17 und neun Jahre alten Töchtern und den beiden acht und sieben Jahre alten Söhnen in ein kleines, ruhigeres Dorf, das rund 50 Kilometer weit von Aïn Terma entfernt liegt.

Dort wähnte der Kurde seine Familie einigermaßen in Sicherheit. Für ihn ging die Flucht weiter: 18 Tage in einem Touristenbus und in einem Lkw versteckt über die türkische Grenze und schließlich bis nach Österreich: „Am 15. Oktober bin ich in Österreich angekommen. Ich hatte die ganze Zeit schreckliche Angst. Es ist ein Horror. Ich träume davon, dass sie mich verbrennen. Über Facebook habe ich Bilder gesehen, auf denen Raketen mein Restaurant zerstörten.“ Seine Stimme ist ruhig, fast leise. Mostafa übersetzt dem sympathischen Familienvater die Formulare, trägt die Antworten für den Syrer ein.

Am Tisch sitzt auch Sandra Hämmerle. Sie ist zusammen mit Janine Gozzi beim Roten Kreuz Vorarlberg für Familienzusammenführungen zuständig. „In den letzten drei bis vier Jahren haben wir hier rund 50 Familien wieder zusammengebracht. Leider kommt es auch vor, dass es nicht klappt. Der Fall von Muzafer Kischti ist ein typischer Fall“, weiß Hämmerle zu berichten. Von einem ersten Beratungsgespräch bis zum Tag, an dem die auseinander gerissene Familie wieder vereint ist, kann es zwischen einem halben Jahr bis neun Monate dauern.

In Syrien herrscht Bürgerkrieg. Der Asylantrag von Kischti wurde am 26. Februar dieses Jahres genehmigt. „Mit einem rechtskräftigen Asylstatus können wir die notwendigen Papiere ausfüllen“, erklärt die junge Frau die weiteren Schritte und fügt an, dass für jedes Familienmitglied ein eigenes Formular auszufüllen ist. Schwierigkeiten hierbei machen die offiziellen Dokumente wie Geburtsurkunden und Reisepässe: „Über den Irak werden diese oftmals nach Österreich geschmuggelt. In der jetzigen Krisen-Situation muss man beim ‚Postverkehr‘ kreativ sein, denn es geht um Menschenleben“, fügt der Dolmetscher an.

Im Fall des Syrers fehlen noch Kopien der Geburtsurkunden und der Reisepässe. Sind alle Dokumente eingelangt, „wird mit dem Generalsekretariat des Roten Kreuzes in Wien Kontakt aufgenommen. Dort laufen alle Anträge aus Österreich zusammen“, erklärt Hämmerle dem Flüchtling die folgenden Schritte. Mit der österreichischen Botschaft in Syrien wird Kontakt aufgenommen. Die Familienmitglieder bekommen nach eingehender Prüfung ein Visum für Österreich und dürfen ausreisen. Mona Kischti und die vier Kinder würden zunächst im Erstaufnahmelager Traiskirchen aufgenommen, bis es weiter nach Vorarlberg geht.

Hoffnung

„Es vergeht keine Sekunde, an der ich nicht an meine Familie denke. Wir haben vor 15 Tagen das letzte Mal telefonieren können. Das Telefon- und Internetnetz bricht immer wieder zusammen. Ich träume davon, meine Familie wieder in die Arme schließen zu können“, gibt Kischti die Hoffnung nicht auf. Seit dem 10. Jänner nimmt er dreimal in der Woche bei der Caritas Deutschunterricht. „Die Aussprache und Schrift sind noch sehr ungewohnt.“

Ich träume davon, meine Familie in die Arme schließen zu können.

Muzafer Kischti
Auf dem Pass vermerkten die syrischen Behörden (schräg neben dem Passbild), dass Muzafer Kischti das Land nicht verlassen darf. Foto: BEM
Auf dem Pass vermerkten die syrischen Behörden (schräg neben dem Passbild), dass Muzafer Kischti das Land nicht verlassen darf. Foto: BEM

Zur Person

Muzafer Kischti

floh wegen politischer Verfolgung des Assad-Regimes nach Österreich.

Geboren: 5. April 1964

Ausbildung: Manager in der Gastronomie

Familie: Frau Mona und seine vier Kinder leben noch in Syrien