Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Tausend Krokusse

Vorarlberg / 26.03.2013 • 19:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Künstlerin pflanzt zu Frühlingsanfang tausend Krokusse um ihr Haus. Sie liebt es, in der Erde zu graben. Die Leute bleiben stehen und staunen. „So schön“, sagt die Künstlerin, „weil es so viele sind. Das macht es aus.“ Sie hatte Bildhauerei gelernt, aber weil die Professoren an der Uni nur mehr Installationen und Videoarbeiten duldeten, hatte sie mit dem Bildhauern aufgehört. „Ich töpfere und pflanze jetzt nur noch.“ Zu ihrer Abschlussarbeit mit dem Thema „Verschwinden“ sammelte sie Fakten über das Konzentrationslager Gusen, Lebensläufe von Ermordeten, Tondokumente und legte sie in eine sehr große Schale. Die Besucher konnten ihr Ohr an die kühle Schale legen und das Gemurmel wahrnehmen. Die Professorin wollte das nicht gelten lassen. „Töpfern tun Hausfrauen“, sagte sie.

Sie kennt einen Gärtner, der einen ungewöhnlichen Laden besitzt. Er stellt Olivenbäume an der Straße entlang auf, Tannen im Winter, silberne Weiden. Die Gefäße fabriziert die Künstlerin. Sie hat einen riesigen Ofen und arbeitet mit einem Gabelstapler. Von der Arbeit ist sie muskulös geworden.

Wie die Pflanzen liebt sie die Tiere. Es gab einen ehemaligen Soldaten, der sich fünf Hunde hielt, sie waren wie Wölfe, aber es wurde ihm zuviel, er hatte mit sich selbst die größten Probleme, er vernachlässigte die Tiere, und sie waren am Verhungern. Die Künstlerin nahm einen Wolf zu sich. Sie besitzt bereits einen großen Hund, und es dauerte eine Zeit, bis sich die beiden vertrugen. Anfänglich war der Wolf so scheu, dass er sich nur versteckte. Die Angst vor Menschen ist ihm bis heute geblieben. Die Künstlerin kennt sich gut aus mit Tieren, beobachtet scharf, und weiß, wenn es ihnen schlecht geht.

Die großen Gefäße werden von Leuten gekauft, die Prestige haben und viel Geld. Dennoch handeln sie um den Preis und sind oft geizig. Wenn einer sich die Gefäße nicht leisten kann, akzeptiert die Künstlerin Ratenzahlungen oder Warentausch. Marmeladen gegen Gefäße, Dienstleistungen gegen Gefäße.

Manchmal verirren sich Männer in ihre Werkstatt, sie klopfen der Künstlerin auf die Schulter und sagen: „Schweres Hobby für eine Frau.“

Der Gärtner und die Künstlerin träumen davon, Innenstädte zu gestalten. Ein Weizenfeld in einer Schale auf einem leeren Platz. Apfelbäume, Tomatenbäume, Olivenbäume, Palmen. „Irgendwann“, sagt sie, „fertige ich Figuren an, Bettler und Straßenmusikanten, stelle sie in der Nacht zu den Bäumen auf die Plätze. Wenn sie aus Bronze sind, können sie nicht fortgejagt werden.“

„Vielleicht solltet ihr nach New York gehen“, sage ich, „oder nach Paris oder nach Rom.“ Und sie sagen: „Ja, aber bei uns soll es auch besonders sein, so dass die Leute stehen bleiben und staunen.“

monika.helfer@vn.vol.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.