Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Charakter

Vorarlberg / 27.03.2013 • 21:32 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Frau Ammann ist nun wirklich kein eingefleischter Sportfan, Fanatismus jeglicher Art ist ihr fremd, zuweilen entschlüpft ihr ein salopper Sarkasmus „da nimmt wiedermal einer die Geschwindigkeit über die Traversn ins Floche mit“. Kann einen so was jahrzehntelang begeistern, fragt sie. Ja, kann es. Sie versteht ihn nicht, den Adrenalinrausch, der richtige Sportfans vor die Kiste zwingt. Ich bin einer von diesen Junkies. Hab schon als Teenager ein „Sportheft“ geführt, in dem die Konterfeis meiner Idole klebten. Leichtathletik, Fußball, Boxen, Ski, Formel 1: Ralph Boston, Armin Hary, Bob Beamon, Wilma ­Rudolph, Pele, Vava, Didi, Garrincha, Cassius Clay, Rindt, Lauda, jeder Einzelne ein Abenteuerfilm, Grenzüberschreiter, jeder einzelne eine Kerbe auf dem Weg zur Charakterbildung. Frau Ammann schaut ein bissl ratlos. Echt? Charakterbildung?

Die Ehrengalerie meiner Götter wirkte wie ein Energiepool, den man anzapfen konnte, sag’ ich. Als hätte sich ihre ganze Power in meinem karierten Schulheft versammelt. Sie hatten alle versucht sich aus dem Mittelmaß zu strampeln, Grenzen zu sprengen, das „Unmögliche“ zu versuchen, „against all odds“ – bevor Wilma Rudolph Olympiasiegerin wurde, hatte sie Kinderlähmung, Lauda war eigentlich schon tot und wurde nochmal Weltmeister. Die Liste ist lang, Maier, Hirscher, Schlieri, Alaba. Das kann inspirierender sein als so mancher Lehrer. Ich versuche ihr klarzumachen, dass Sport auf extremstem Level mehr sein kann als nur Auslotung physischer Grenzen – ein metaphysischer Augenblick, Ästhetik, Zauber – KUNST !!

Zum Beispiel … Frau Ammann hält mir ihren Zeigefinger auf den Mund, kickt einen Stein in den Emsbach. Zum Beispiel, sagt sie: das zweite Ronaldo-Goal gegen ManU. Jetzt bin ich aber platt, sag ich. Der geniale Fersler vom Özil zum Ramos, sagt sie, und Ronaldo versenkt – Laufzeit drei Sekunden. Ich muss sie jetzt kurz umarmen, die Frau Ammann.

Dann wird sie gleich ganz ernst. Und wenn der Vettel dem Horner funkt, „Marc is too slow, get him out of the way“, wie sieht’s da aus … von wegen Charakterbildung? Gibt’s die auch jenseits der Doktrin politischer Correctness? Dem Vettel sollt’ man eine schmieren. Und dann dieser arme schöne Rosberg, sagt sie. Ich schweige: Immer hat sie das letzte Wort.

reinhold.bilgeri@vn.vol.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher,
er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.
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