„Kirche muss Menschen wieder dienen“

Vorarlberg / 27.03.2013 • 21:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Abt wäscht den Mönchen die Füße: Für Abt Anselm „auch ein Akt der Reue für jeden Augenblick, in dem ich andere verletzt habe“. Fotos: VN/Steurer
Der Abt wäscht den Mönchen die Füße: Für Abt Anselm „auch ein Akt der Reue für jeden Augenblick, in dem ich andere verletzt habe“. Fotos: VN/Steurer

Heute setzt die Kirche ein Zeichen der Demut. Für Abt Anselm müssen Taten folgen.

Bregenz. Am Gründonnerstag werden die Kirchen leise. „Weil die Glocken nach Rom fliegen“, raunt der Volksmund. Erst zur Begleitung des Gloria in der Osternacht dürfen sie wieder erklingen. Dann ist der Tod überwunden. Christen feiern Christi Auferstehung. Aber am Gründonnerstag steht seine Passion noch bevor, und da macht sich die Kirche ganz klein.

Der Papst in Rom wird im Jugendgefängnis „Casal del Marmo“ zwölf Strafgefangenen die Füße waschen. 50 junge Kriminelle sitzen dort in Haft. Sie seien, sagt Gefängnisseelsorger Caetano Greco den Journalisten, ganz aus dem Häuschen. Der Papst kommt zu ihnen! Das Fernsehen hat er gleich wieder ausgeladen. Es soll keine Show werden. Als Erzbischof von Buenos Aires hat er es seinerzeit ganz ähnlich gehalten.

Ein Auftrag an alle

Im Bregenzer Zisterzienserkloster Wettingen-Mehrerau werden ungefähr zur selben Zeit die Mönche in ihren wallenden weißen Chorgewändern im Kapitelsaal Platz nehmen, damit ihnen Abt Anselm van der Linde die Füße wäscht. Die Kirche erinnert mit diesem Akt rund um den Erdball an eine besonders einprägsame Geste des Jesus von Nazareth, die nur der Evangelist Johannes schildert. „Christus hat beim letzten Abendmahl seinen Jüngern nicht nur die Füße gewaschen“, erläutert Abt Anselm, „er hat sie auch beauftragt, es künftig weiterhin so zu halten.“ Für den berühmten Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux (1090 bis 1153) hatte dieser Auftrag zum Dienst aneinander sakramentalen Charakter.

Aber was deutet diese symbolische Handlung an? „Sie sagt, dass die Kirche da ist, um den Menschen zu dienen.“ Und Abt Anselm schließt eine Frage an, die sich die Kirche dringend stellen soll: „Wie gehen wir mit Menschen um, die Fehler gemacht haben?“ Er erinnert an das letzte Interview, das der Kardinal von Mailand, Carlo Martini, mit dem Vorarlberger Jesuitenpater und Russ-Preis-Träger Georg Sporschill führte: „Die Kirche muss ihre Sakramente zum Heil der Menschen anwenden und nicht als Strafe.“ Abt Anselm denkt an wieder­verheiratete Geschiedene und andere Gruppen, die von der katholischen Kirche derzeit mehr vor die Tür gestellt als in die Arme genommen werden. „Dabei hat doch Christus selber vergeben.“ Deshalb verbindet der Abt mit der Fußwaschung heute, am Gründonnerstag, einen Auftrag für die ganze Kirche: „Wir müssen wegkommen von der Mentalität, die Menschen auszuschließen.“

Auch der neue Papst Franziskus hat am Mittwoch bei der Generalaudienz die österlichen Tage vor Tausenden Pilgern mit einem Appell eröffnet: „Wir müssen lernen aus uns selbst herauszugehen (. . .) Heraustreten aus dem Selbst, aus einer Welt, die den Glauben müde und aus Gewohnheit lebt.“ Es gelte, auf den anderen zuzugehen, ungeachtet dessen Religion oder Herkunft. Müde Ausreden gebe es genug. Ostern wäre der Zeitpunkt, damit aufzuräumen.

Die Kirche muss wegkommen von der Mentalität, die Menschen auszuschließen.

Abt Anselm van der Linde
Die Ministranten in Feldkirch-Gisingen ziehen ab heute mit Ratschen durchs Dorf. Glocken ertönen erst wieder in der Osternacht.
Die Ministranten in Feldkirch-Gisingen ziehen ab heute mit Ratschen durchs Dorf. Glocken ertönen erst wieder in der Osternacht.

Stichwort

Drei österliche Tage

In lateinischer Sprache heißen sie „Triduum sacrum“. Der Begriff bezeichnet drei Tage in Jerusalem vor rund 2000 Jahren, die im Christentum von zentraler Bedeutung sind:

» Gründonnerstag: Die christlichen Kirchen gedenken des letzten Abendmahls. Jesus Christus versammelt in Jerusalem ein letztes Mal seine Jünger um sich, feiert das letzte Abendmahl und fasst sein Vermächtnis in Sätze wie „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“. Am Abend wird er verhaftet.

» Karfreitag: Dem etwa 30-jährigen Mann aus Nazareth wird der Prozess gemacht. Er wird zum Tode verurteilt, gefoltert und gekreuzigt.

» Karsamstag, Osternacht: Die Frauen unter seinen Anhängern haben den Leichnam geborgen und bestattet. Aber wenig später finden sie das Grab leer. Die letzten Bücher des Neuen Testaments schreiben die Geschichte von der Auferstehung des Gekreuzigten fort. Heute ist das Christentum mit rund 2,26 Milliarden Anhängern vor dem Islam (rund 1,57 Milliarden) und dem Hinduismus (rund 900 Millionen) die weltweit am meisten verbreitete Religion.