„Kein Osterfest ohne Karfreitag“

Vorarlberg / 28.03.2013 • 21:11 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Abt Anselm: „So wie Christus die Arme am Kreuz ausbreitet, tut es der Priester in der Messe. Das drückt auch Offenheit aus.“ Foto: VN/Steurer
Abt Anselm: „So wie Christus die Arme am Kreuz ausbreitet, tut es der Priester in der Messe. Das drückt auch Offenheit aus.“ Foto: VN/Steurer

Katholische und evangelische Christen wollen Leid nicht ausblenden.

Bregenz. (VN-tm) Karfreitag ist ein schwieriger Tag. Selbst der Apostel Paulus nennt das Kreuz „einen Skandal“. Diese Hinrichtungsart bedeutete zur Römerzeit „die absolute Erniedrigung“ des Verurteilten. Gerade darin sieht der Mehrerauer Abt Anselm van der Linde eine Stärke des Christentums. „Es blendet das Leid nicht aus.“ Sondern verleitet zu aktualisierenden Fragen: „Wie oft wird Christus wohl gegenwärtig gekreuzigt? In Syrien oder im Irak …“

Jutta Henner, Direktorin der österreichischen Bibelgesellschaft, kann da gut mit. „Jesus starb als Verbrecher am Kreuz. Er war ein Fremdkörper, ist an der Gesellschaft gescheitert.“ Henner entdeckt den Karfreitag „in jedem Unwillkommensein“ wieder. Aber die evangelische Theologin und der katholische Abt hätten ihre Professionen verfehlt, schimmerte in ihren Worten nicht österliche Hoffnung durch.

Bibel voller Fluchtgeschichten

Henner hat ihre Überzeugung mit einer Ausstellung in den evangelischen Gemeindesaal nach Bregenz gebracht, die am Gründonnerstagabend eröffnet wurde. Sie trägt den Titel „Gott hat den Fremdling lieb“. Erzählt werden lauter biblische Fluchtgeschichten. Abraham, der als Wirtschaftsflüchtling nach Ägypten geht „und es mit den Personenstandsangaben nicht so genau nimmt“. Josef, der seine Familie nachholt. Moses, der mit einem ganzen Volk ins Exil zieht. Rut emigriert nach einer Hungersnot. Jesus wird schon als Baby auf der Flucht außer Landes gebracht.

Kurzum: Dass die Bibel von Asylwerbern gern gelesen wird, kommt nicht von ungefähr. Das Buch der Bücher schreibt in einigen Kapiteln konkret fest, wie man dem Fremdling begegnen soll.

Jutta Henners Gesellschaft verschenkt jedes Jahr „zwischen 1500 und 2000 Bibeln in annähernd 100 verschiedenen Sprachen“. Seit sie gesehen hat, wie viele verfolgte Christen unter den Flücht­lingen aus Armenien, Georgien, Nigeria, Ghana und dem Irak sind, geht sie in die Schubhaft und zur Polizei, besucht Deutschkurse und Pfarrgemeinden. „Es war eine spannende Erfahrung, dass gerade die Fremden unter uns sich in den biblischen Erzählungen ungemein wiederfinden.“

„Fürchtet euch nicht“

Und doch: Wenn Abt Anselm heute um 15 Uhr in der Klosterkirche der Mehrerau die Karfreitagsliturgie eröffnet, denkt er daran, „dass Gott sich trotz allem an den Menschen und seine Realität heftet“. Wenn der Abt die Evangelien über Jesu Tod hinaus liest, dann findet er den Auferstandenen am häufigsten mit einem Satz zitiert: Fürchtet euch nicht! „Das sollte eigentlich unser Wahlspruch sein, als Menschen und als Kirchen: Fürchtet euch nicht.“ Denn dem Kreuz im Leben eines jeden Menschen stehen immer wieder erlösende Momente gegenüber. „Die wirkliche Erlösung aber ist nicht von dieser Welt.“

Die protestantische Theologin Jutta Henner verschenkt Bibeln an Asylwerber, die das wünschen. „Es sind 1500 bis 2000 im Jahr.“ Foto: tm
Die protestantische Theologin Jutta Henner verschenkt Bibeln an Asylwerber, die das wünschen. „Es sind 1500 bis 2000 im Jahr.“ Foto: tm