Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Kann man die noch flicken, Mama?

08.05.2013 • 19:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Löcher in den Jeans des Kindes nehmen im Kniebereich mittlerweile mehr Fläche ein als der Stoff rundherum. Das wird, und meine Mutter wird das verrückt gerne hören, selbst mir ein bisschen zu zerfetzt langsam.

Du bist sicher, dass du diese Hose in die Schule anziehen willst? Ja, ich bin mir sicher. Du wirst frieren. Das Argument, Mutter, zog vielleicht im Winter, jetzt hat es 22 Grad: Nein, ich werde nicht frieren. Du siehst langsam wirklich aus wie ein Punk. Echt? Danke, Mama!!

Gut, diese Antwort braucht mich jetzt nicht zu überraschen. Auch die Hose selbst überrascht mich nicht, einerseits – wieder einmal – die Gene, andererseits zeigten beide Kinder schon früh Anlagen zu unkonventioneller, kompromisslos individualistischer Bekleidung. Wenn ich mich zum Beispiel an den Baumeister-Bob-Polyester-Handschuh erinnere, den das zwei- oder dreijährige Kind einmal drei Wochen am Stück an der linken Hand trug, und der an dieser Hand nur deshalb nicht festwuchs und zu wuchern anfing, weil die Mutter ihn in der einen oder anderen Nacht vorsichtig von dem Kind zupfte und heimlich wusch. Irgendwann wurde der Handschuh freiwillig ausgezogen und nie wieder beachtet. Ungefähr seit diesem Zeitpunkt herrscht in diesem Haushalt das Prinzip, dass die Kinder anziehen dürfen, was immer sie wollen, so lange es in etwa mit dem Klima und den Maßstäben der Sittlichkeit harmoniert.

Dieses Prinzip wird allerdings periodisch groben Belastungstests unterzogen. Es gibt halt doch Gelegenheiten, wo eine Mutter ihre Kinder gern proper und putzig hätte, wie, ich weiß nicht, am allerersten Volksschultag oder so. Am allerersten Volksschultag trug das eine Kind ein sicher tausend Mal gewaschenes geblümtes Frotteekleid aus den Siebzigerjahren, über – weil es eigentlich schon zu klein war – Jeans. Das andere trug ebenfalls Jeans, und sein damaliges Lieblings-T-Shirt; mein altes Jimi-Hendrix-Leiberl nämlich, wo die einen sagen, wow, der beste Gitarrist aller Zeiten, und die anderen: ein Drogensüchtiger, der an seinem Erbrochenen erstickt ist. Ich habe nichts gesagt. Die Lehrerinnen auch nicht. Die Kinder haben die Volksschule überstanden und gehen jetzt mit zerfetzten Jeans ins Gymnasium, wo ich meistens auch nichts sage: Weil ich das, was ich sagen könnte, einst selbst von der eigenen Mutter gehört habe, und mir damals schwor, dass ich, falls ich je Kinder habe, ihnen niemals vorschreiben werde … Genau.

Meistens gelingt das auch. Oder das Schicksal hat, wie bei der Hose, ein Einsehen und macht, dass sie während einer Geburtstagsparty hinternwärts derart nachgibt, dass man mit einer umgebundenen Jacke heimfahren und sich umziehen muss. Mama, kannst du die noch flicken? Du scherzst. Und nein, ich hatte nicht heimlich nachgeholfen.

doris.knecht@vn.vol.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.