Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Ab jetzt nur noch vegetarisch, bitte

05.06.2013 • 18:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eins der Kinder schickt ein SMS. Es bringt mir darin zur Kenntnis, dass es nun Vegetarier sein wolle. Ab sofort, versuchsweise bis Ferienbeginn. Könne ich bitte den Essensplan dahingehend neu ausrichten. Kann ich, denn ich bin völlig unüberrascht. Ich habe das längst erwartet: Der Nachwuchs ist jetzt elf, das ist offenbar, wie man schon länger bei befreundeten Töchtern und bei Nichten beobachten konnte, ungefähr das Alter, wo Wissen und Gewissen sich zusammentun und zu moralischem Handeln vereinen, zumindest selektiv. Fast jede befreundete Familie hat eine elf- bis 16-jährige Vegetarierin am Esstisch. Immer Mädchen, im Übrigen.

Ich simse dem Kind zurück, es gefalle mir, dass es nun eine Überzeugung hat und dazu steht, und dass ich zumindest während der Woche bereit sei, auf vegetarisches Kochen umzustellen. Geschieht punktuell ja eh schon längst, brachte ja schon das Christkind Nigel Slaters wunderbares Standardwerk „Tender / Gemüse“, Yotam Ottolenghis „Genussvoll vegetarisch“ und „Österreich vegetarisch“ von Meinrad Neunkirchner und Katharina Seiser. Leider muss ich das Kind gleichzeitig darüber informieren, dass sein den fleischlosen Genüssen eher abholder Vater eben alle Zutaten für das Ex-Lieblingsessen des Kindes, panierte Hühnerschnitzel, eingekauft hat, welche er heute Abend zubereiten wollte. Er habe aber bereits eingewilligt, stattdessen Reis mit Gemüse zu kochen. Das Handy schweigt für eine Stunde, dann schickt das Kind ein SMS, in dem es mitteilt, es wolle in diesem Fall ab morgen Vegetarier sein. Auch das wundert mich nicht. Und es wundert mich auch nicht, als es am übernächsten Tag, als wir bei den Nachbarn eingeladen sind, nicht nur das Spiegelei und die Bratkartoffeln isst, die dort für die Kinder zubereitet wurden, sondern auch den gebratenen Schübling. Es gebe, sagte das Kind schmatzend, hiermit den Plan auf, Vegetarier zu werden, es liebe Fleisch einfach zu sehr.

Als das Kind klein war, so vier oder fünf, hatte es einmal eine Phase, in der es nur nutzlose Tiere essen wollte. Als nutzlose Tiere galten solche, die keine Bonusqualitäten hatten wie Eier legen oder Milch geben, die man nicht streicheln konnte und die nicht süß waren. Im Prinzip also Schweine. Dann sah das Kind ein Babywollschwein und aß auch keine Schweine mehr. Ungefähr zwei Tage lang. Dann wurde es ihm fad, nur Nudeln, Reis oder Erdäpfel mit nichts zu essen, weil es damals den meisten Gemüsesorten misstrauisch bis ablehnend gegenüberstand, und die missgünstige Mutter sich weigerte, Schokolade als Hauptmahlzeit zu akzeptieren. Also überdachte es seinen Entschluss, besann sich auf sein kindliches Alter, das es dem Kind erlaubte, so zu tun, als glaube es tatsächlich, es handle sich bei Würsteln, Schnitzeln und Speck um erstaunlich wohlschmeckende exotische Gemüse. Hmm, interessant!

Dieses Kind wird kein Vegetarier, Moral hin oder her.

doris.knecht@vn.vol.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
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