„Wir nannten es Kleinfolterberg“

08.07.2013 • 18:38 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Kleinvolderberg war einst eine Tiroler Erziehungsanstalt, in der auch Vorarlberger Jugendliche verwahrt wurden. Foto: brantner
Kleinvolderberg war einst eine Tiroler Erziehungsanstalt, in der auch Vorarlberger Jugendliche verwahrt wurden. Foto: brantner

Vorarlberger Pensionist erinnert sich an „zwei Jahre Hölle“ in Tiroler Erziehungsanstalt.

Heidi Rinke-Jarosch

BREGENZ. Bedrückend ist die Atmosphäre in diesem Schlafzimmer. Die Vorhänge sind zugezogen. Erwin Rupprechter liegt im Bett, atmet mithilfe eines Sauerstoffgerätes. Mit zitternder Hand führt er ein Glas Wasser an den Mund, nippt, stellt es zurück aufs Nachtkästchen. Die Folgen der Polyneuropathie, an der er seit Jahren leidet, treten einmal mehr massiv auf. „Oft sind die Schmerzen nicht auszuhalten“, sagt der 62-jährige Bregenzer. Seine Stimme zittert.

Obwohl ihm das Sprechen schwerfällt, will er jetzt seine Geschichte erzählen. Er will, dass publik wird, was einst in Kleinvolderberg geschah. Damit diese Bilder im Kopf verschwinden und die unendlich schwere Last der jahrzehntelangen Verdrängung von ihm abfällt. Eine Last, die ihn zermürbt und schwer krank gemacht hat.

Prügel mit der Schlagrute

Die schwierige familiäre Situation nach der Scheidung seiner Eltern hatte damals, 1967, das Bregenzer Jugendamt veranlasst, Erwin Rupprechter im Alter von 16 Jahren nach Kleinvolderberg zu verfrachten: „Zwei Jahre waren es. Zwei Jahre Hölle.“ Kleinvolderberg war eine vom Land Tirol und der Stadt Innsbruck geführte Fürsorgeanstalt, in der in den 60er- bis 80er-Jahren so genannte schwer erziehbare Jugendliche – auch aus Vorarlberg – interniert wurden. „Die Erzieher quälten uns und hatten sichtlich Freude daran“, sagt Erich Rupprechter. Für die Schläge, die vor allem Haupt­erzieher M. und seine Kollegen H. und E. den Zöglingen jeden Tag verabreicht hatten, seien spezielle Schlagruten aus Kabelüberzügen mit Knoten fabriziert worden. „Verprügelt haben sie uns auch mit gewöhnlichen Stöcken.“

Unter die eiskalte Dusche gestellt zu werden, bis zum Zusammenbruch, sei eine andere „Methode zur Persönlichkeitsentwicklung“ der Erzieher von „Kleinfolterberg“ – wie das Heim von den Zöglingen genannt wurde – gewesen. „Ich weiß nicht mehr, wie oft ich unter der Brause gestanden bin. Wenn ich es nicht mehr aushielt und aus der Dusche laufen wollte, wurde ich von den Erziehern M., H. und E. festgehalten und mit der Schlagrute verprügelt.“ Konkreten Anlass habe es keinen gebraucht.

Kopfrasur zur Strafe

Ihm und den anderen Zöglingen, die sich nicht völlig gefügt hatten, sei sowohl körperliche als auch seelische Gewalt angetan worden. Dazu habe tagelanges Einsperren im hauseigenen Karzer und das Glatzenscheren gezählt. „Den Kopf rasiert haben sie jedem, der einen Fluchtversuch unternommen hat“, erzählt Rupprechter. Natürlich auch Schläge. „Und was für welche! Mann oh Mann!“ Wegen seiner eigenen Fluchtversuche habe er ziemlich viele abbekommen. Auch ein behinderter Bub sei von den drei Erziehern unzählige Male verprügelt worden.

Insbesondere H. habe seine scheinbar sadistische Veranlagung bei jeder Gelegenheit ausgelebt: „Jedes Mal, wenn wir zum Essen gingen, verpasste er jedem, der an ihm vorüberging, eine Kopfnuss, einen Magenhaken oder einen Tritt.“

Nie aus dem Kopf gegangen ist Erwin Rupprechter der Zögling, der „ermordet wurde“, wie er sagt. „Es war im August 1969. Wir waren am Bergsteinersee zum Baden. Alle mussten ins Wasser und zu dem Schlauchboot schwimmen, in dem der Erzieher H. saß. Jedem, der am Boot vorbeischwamm, schlug er mit dem Paddel auf den Kopf.“ Ein 16-jähriger Zögling, der nicht schwimmen konnte, habe vor Angst geschrien und getobt. „Zum Erzieher E., der am Ufer stand, sagte ich, er soll den Buben in Ruhe lassen. Man sieht doch, dass er total fertig ist. Aber dann hat er den Buben ins Wasser geschmissen. Der bewegte sich nicht mehr, lag tot im Wasser.“ Die Reanimationsversuche seien erfolglos geblieben. „Die Rettung hat ihn dann geholt und ins Spital nach Jenbach gebracht. Ich weiß nicht, was die Erzieher seinen Eltern gesagt haben. Sicher nicht die Wahrheit.“

Diese wunderbare Frau

Erwin Rupprechter ist selbst gewalttätig geworden, ist deswegen im Knast gesessen – wie die meisten Ex-Zöglinge von Kleinvolderberg. „Gewalt erzeugt Gewalt“, rechtfertigt er sich. Und so habe er seit seiner Entlassung aus der Erziehungsanstalt im Sommer 1969 unter dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ weitergelebt.

Bis vor zwölf Jahren, als er dieser wunderbaren Frau begegnet ist: Eva. „Mit ihr habe ich zum ersten Mal in meinem Leben erfahren, was Liebe bedeutet.“ Inzwischen haben die beiden geheiratet. Gewalt hat in seinem Leben keinen Platz mehr. „Und jetzt ist auch diese schwere Last weg. Jetzt fühle ich mich viel leichter.“

Die Erzieher quälten uns und hatten sichtlich Freude daran.

Erwin Rupprechter

Tatort Erziehungsheim

In den 60er- bis 80er-Jahren waren Zöglinge in Tiroler und Vorarlberger Erziehungsheimen Schlägen, sexuellen Übergriffen und Psychoterror ausgesetzt. Seit Gründung der Opferschutzkommissionen in beiden Ländern häufen sich die detaillierten Berichte von Misshandlungen, die Kinder und Jugendliche damals erdulden mussten. Im ehemaligen Landeserziehungsheim Kleinvolderberg in Tirol waren auch Zöglinge aus Vorarlberg interniert.