Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

,,Dünne können besser arbeiten, …

Vorarlberg / 06.08.2013 • 18:47 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

. . . sagte die Beamtin zu mir“, erzählt Hanna und erzählt mir ein Stück ihres Lebens: „Ich war arbeitslos. Andere haben etwas gekriegt, ich nicht. Ich rannte aus dem Arbeitsamt, stolperte, und landete auf dem Rücken wie ein Käfer. Ich konnte nicht mehr aufstehen. Da kam einer vorbei, und anstatt mir behilflich zu sein, stellte er sich breitbeinig vor mir auf und redete auf mich nieder: Kannst nicht mehr aufstehen, Fettmaschine, selber schuld, warum frisst du so viel.

Ich habe hundertzwanzig Kilo. Seit drei Jahren versuche ich abzunehmen, weil ich wusste, wenn ich so weitermache, werde ich draufgehen. Ich habe Diabetes, eine Fettleber, Gicht, orthopädische Probleme, Bluthochdruck. Ich bin zwanzig Jahre alt. Ich schlafe zwei Stunden, wache auf, gehe zum Kühlschrank, stopfe Aufschnitt in mich hinein, Chips, Gummibärchen, trinke Cola. Dann lege ich mich wieder hin und schlafe vier Stunden. Mein Glück ist, dass das Fernsehprogramm nie aufhört. Ich setze mich vor die Glotzkiste und versuche, nicht ans Essen zu denken. Wenn meine Mutter am Abend nach Hause kommt, bringt sie Pizzas mit.

Ich bin auf Facebook. Da mache ich aus mir eine dünne Frau mit schlanken Beinen und freundlichem Gesicht. Ich behaupte nicht, dass ich eine Schönheit bin, das wäre übertrieben. Mein Gesicht ist hübsch, sagt meine Mutter, wäre da nicht das Doppelkinn. Dass ich ein Messer in der Seele habe, weiß sie nicht. Auf Facebook spiele ich eine Rolle, die mir gefällt. Meiner Mutter macht das Angst, sie denkt, das artet in eine Rollenspielsucht aus. Aber wenn ich die Fettsucht dagegen eintauschen könnte, wäre das doch ein Traum.

Ich sollte kochen lernen. Nicht von meiner Mutter, die weiß nicht einmal, wie man Kartoffeln kocht. Aber könnte ich zum Beispiel Gemüse zubereiten, würde ich damit schon so viel Zeit verbringen, und während der Arbeit würde ich nicht essen. Das wäre ein Gewinn.

Als Kind bin ich auf einem Shetlandpony geritten, dann wurde ich zu schwer, und es ist eingeknickt. Da war es aus mit dem Reiten. Ich meine, eine Möglichkeit wäre noch, sich zwei Drittel des Magens wegschneiden zu lassen, aber das klingt so brutal, und die Essensfreude wäre endgültig dahin. Eigentlich macht mir das Essen Freude, nur so lange es im Mund ist. So wie ich jetzt aussehe, werde ich keinen Freund und keine Freundin finden, wahrscheinlich grausen sich sogar die Tiere vor mir. Man behauptet ja, dass Dicke stinken, sie können sich waschen, so viel sie wollen, sie stinken einfach. Ich habe schon fünf Mal versucht, mich umzubringen, aber nie hat es geklappt.“

monika.helfer@vn.vol.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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