Heimerziehung wird aufgearbeitet

Vorarlberg / 06.08.2013 • 18:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
St. Martin in Schwaz war das einzige Heim in Westösterreich für schulentlassene Mädchen. Jedes zehnte Kind kam aus Vorarlberg. Foto: APA
St. Martin in Schwaz war das einzige Heim in Westösterreich für schulentlassene Mädchen. Jedes zehnte Kind kam aus Vorarlberg. Foto: APA

Forscherinnen suchen für Aufarbeitung der Heimerziehung nach Zeitzeugen.

Bregenz. (VN-tm) Die Innsbrucker Erziehungswissenschaftlerin Michaela Ralser wagt sich mit fünf Mitarbeiterinnen in den kommenden zwei Jahren an zwei Projekte:

Einmal wird sie die Geschichte des Mädchenerziehungsheims St. Martin in Schwaz aufarbeiten. „Diesen Auftrag hat uns das Land Tirol erteilt.“ Spannend werden die Ergebnisse aber auch für Vorarlberg: „Schließlich waren im Erziehungsheim für schulentlassene Mädchen St. Martin bis zu 110 Mädchen untergebracht. Die statistische Auswertung der Jahre 1971 bis 1991 beweist, dass jedes zehnte Mädchen (9,5 Prozent) aus Vorarlberg stammte.

Zum Zweiten werden Univ.-Prof. Ralser und ihre Kolleginnen in einer Gesamtstudie die Fürsorgesysteme vergangener Jahrzehnte von Tirol und Vorarlberg durchleuchten. Während auf der berüchtigten Kinderbeobachtungsstation der Psychiaterin Maria Nowak-Vogel in Innsbruck zwischen 1954 und 1987 durchgehend etwa 10,8 Prozent Vorarlberger Kinder „in Betreuung“ waren, haben zahlreiche Tiroler Buben am Vorarlberger Jagdberg harte Zeiten durchlebt. Das Land Vorarlberg beteiligt sich mit 66.458 Euro an den Kosten dieser Forschungsarbeit. Die Früchte beider Projekte sollen, geht es nach dem Willen von Michaela Ralser, veröffentlicht werden. Schon zur Halbzeit im April 2014 will sie Zwischenberichte vorlegen.

„Kaum vorstellbar“

Was die Kinder teilweise in den Heimen mitgemacht haben, haben die Opferschutzkommissionen beider Länder lange beschäftigt. „Bis vor Kurzem war der Öffentlichkeit kaum bekannt, dass in den ersten Jahrzehnten nach 1945 Tausende Kinder in öffentlichen und privaten Erziehungsheimen Österreichs lebten“, sagt Ralser. „Noch weniger bekannt war, dass sie diesen Anstalten auf eine Weise ausgeliefert waren, die heute kaum noch vorstellbar ist.“ Rund 700 Betroffene haben sich an die Opferschutzstellen der Länder Tirol und Vorarlberg gewandt. Von dort hat Ralser auch Kontakt zu ersten Zeitzeugen knüpfen können. Sie bräuchte aber noch mehr: Sie sucht nach Antworten. Warum haben sich die Zustände von Gewalt und Missbrauch so hartnäckig gehalten? Welche Rolle spielten die Fürsorgerinnen, „die oft als erste Heimeinweisungen angeleiert haben“? Anonymität wird den Zeitzeugen gewährt. Nur durch sie kann das Leben in den Heimen glaubwürdig rekonstruiert werden.

Wir suchen nach Ergebnissen ohne Skandalisierung.

Michaela Ralser

Zeitzeugen gesucht

Ehemalige Heimkinder und Erzieher(innen), die bereit sind, ihre Erlebnisse in den Tiroler und Vorarlberger Heimen (oder auch Pflegefamilien) zu erzählen, können sich per E-Mail, Telefon oder postalisch bei den Forscherinnen melden.

» Post-Anschrift:
Forschungsprojekte zur Geschichte der Heimerziehung, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Innsbruck, Liebeneggstraße 8, A-6020 Innsbruck

» Telefon: 0512 507 4053
Die Mitarbeiterinnen sind jeden Dienstag von 9 bis 12 Uhr telefonisch erreichbar, außerhalb dieser Zeiten kann eine Nachricht hinterlassen werden und die Mitarbei­terinnen rufen zeitnah zurück.

» E-Mail: heimgeschichte-iezw@uibk.ac.at

» Internet: Informationen zum Projekt finden sich auf folgender Website: www.uibk.ac.at/iezw/heimgeschichteforschung/