Wo sich der Zahn der Zeit vergeblich müht

Vorarlberg / 06.08.2013 • 19:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Norbert Schnetzer (50) zieht die weißen Handschuhe an, um die Folianten zu schützen, „und aus Respekt“. Fotos: Stiplovsek
Norbert Schnetzer (50) zieht die weißen Handschuhe an, um die Folianten zu schützen, „und aus Respekt“. Fotos: Stiplovsek

Einer der seltenen verlässlich kühlen Räume birgt Gedrucktes aus Jahrhunderten.

Bregenz. Kraftvoll wuchtet Norbert Schnetzer den ersten Band der dreiteiligen Weltgeschichte des Dominikanermönchs Antoninus Florentinus aus dem Regal. Der frühe Druck aus der Werkstatt des Nürnbergers Anton Koberger entstand 1493. Der Rorschacher Meister Nikolaus Bertschi hat die Anfangsbuchstaben kunstvoll verziert. Und Schnetzer, stellvertretender Direktor der Landesbibliothek, kann sich die Bemerkung nicht verkneifen: „500 Jahre alt und noch immer gut zu lesen. Versuchen Sie das einmal bei einer CD-Rom, sagen wir nach fünf Jahren . . .“

Alt auch der Raum

Im stillen Triumph der analogen Buchdruckerkunst über digitale Flüchtigkeit warten an die 45.000 Bücher hier darauf, gelesen zu werden. Allesamt sind sie vor 1850 entstanden. Gut 200 Bände haben teils Unbekannte von Hand geschrieben. Eine technisch aufwendige Klimatisierung sucht man im einzigen, original erhaltenen Jugendstil-Bibliotheksraum des Bodenseegebiets vergebens. Meterdicke Mauern, bleiverglaste Fenster und ein nach Norden ausgerichteter Bibliotheksaal haben den Benediktinern genügt, um eine konstante Raumtemperatur von 19 bis 21 Grad zu garantieren.

Jeder darf hier rein. Auch ohne Empfehlungsschreiben. Eben führt Günter Sauter-Sternik die beiden jungen Informatiker Julia Steurer und Lukas Wittwer in die unvertraute Welt. Der Stern­atlas aus 1627 etwa wäre doch im iPhone gerade mal eine App wert, oder? Aber halt, das Sternbild des Kleinen Bären sieht vedächtig einem Engel ähnlich, der Orion ist dem Heiligen Josef wie aus dem Gesicht gerschnitten. Tatsächlich hat der Verfasser, Julius Schiller, tapfer die antiken Sternbilder christlich umgedeutet. Das hat sich aber nicht durchgesetzt.

Da war die „Legenda aurea“ („der Heiligen Leben“) des Jacobus de Voragine schon ein anderes Kaliber. Ein richtiges Volksbuch war das im Mittelalter. Auch dieses Exem­plar von 1488 mit Holzdeckel und Resten von Beschlägen stammt aus der Werkstatt des Anton Koberger. Kleriker und aufstrebendes Bürgertum lasen darin gleichermaßen.

An Beliebtheit übetroffen wurde es vielleicht noch von der Geschichte des jüdischen Kriegs des römisch-jüdischen Historikers Flavius Josephus. Aus einer erhaltenen Abschrift besitzt die Landesbibliothek gerade noch vier Seiten. „Sie waren als Bucheinband verwendet worden“, erläutert Norbert Schnetzer, „und haben so überdauert.“

Wer das lesen will, sollte freilich in alten Sprachen bewandert sein. „60 Prozent der Bücher sind in Latein oder Altgriechisch verfasst.“ Sie stammen aus den Bibliotheken der Benediktiner und Kapuziner von Bregenz oder aus der Stelle Matutina.

Oder aus privaten Beständen, so wie jene gut 100 Bücher, die der Fußacher Wundarzt Gebhard Flatz am Ende des 18. Jahrhunderts besessen hat. Was so einer wohl gelesen hat? In der Landesbibliothek wartet hinter ledernen Buchrücken die Antwort.

500Jahre alt und gut zu lesen. Versuchen Sie das mit einer CD.

Norbert Schnetzer
Aus den Bodensee-Stichen des Julius Greth, 1860: So sah das Rheintal einmal aus.
Aus den Bodensee-Stichen des Julius Greth, 1860: So sah das Rheintal einmal aus.
Noch einmal Greth: Der Lindauer Hafen um die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Noch einmal Greth: Der Lindauer Hafen um die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Diese Seite einer Handschrift hat als Einband die Zeiten überdauert.
Diese Seite einer Handschrift hat als Einband die Zeiten überdauert.
Aus der Sammlung von Josef Czichna (1855): Färberei von Getzner in Felsenau bei Feldkirch.
Aus der Sammlung von Josef Czichna (1855): Färberei von Getzner in Felsenau bei Feldkirch.
Kunstvoll gestaltetes „Ex libris“ (aus den Büchern von . . .).
Kunstvoll gestaltetes „Ex libris“ (aus den Büchern von . . .).

Besuche nach Terminvereinbarung unter Tel. 05574 511 44005 oder landesbibliothek@vorarlberg.at