Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Kamira und der Heilige Vater

Vorarlberg / 13.08.2013 • 18:11 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Was mit Kamira geschah, nachdem ihr der Heilige Vater die Hand auf den Scheitel gelegt hatte: Das erzählt die Frau von der Hilfsorganisation. Sie arbeitet auf der Insel Lampedusa und kümmert sich um die Boat-People, Flüchtlinge, die von weit her nach Tunesien gekommen sind und von dort mit dem Boot auf die Insel Lampedusa. Sie alle haben Geld gespart, um sich die Überfahrt leisten zu können. Oft ertrinken Menschen, weil die Boote überfüllt sind. In einem dieser Boote war unter den Flüchtlingen ein kleines Mädchen mit seiner Mutter. Zu dieser Zeit gerade weilte der Heilige Vater auf der Insel Lampedusa.

Eine große Schwierigkeit ist die Verständigung mit den Flüchtlingen, sie sprechen nur ihre Sprache. Woher aus Afrika sie stammen, weiß man nicht. Sie haben keine Papiere bei sich. Sie sagen ihre Namen, die für uns fremd klingen. Sie könnten von einem schweren Leben erzählen, von gefolterten Vätern, erschossenen Brüdern, verschleppten Schwestern und Hunger, der nie aufhört.

Das kleine Mädchen trägt den Namen Kamira, das heißt: Die den Mond mag. Es passte. Die Frau von der Hilfsorganisation erzählt, sie kamen in der Nacht an, und der Mond stand groß am Firmament. Polizisten von der Hafenbehörde nahmen die Flüchtlinge in Empfang und brachten sie in ein Flüchtlingscamp. Alle diese Camps sind hoffnungslos überfüllt, man muss aufpassen, dass man nicht niedergetreten wird, besonders, wenn man noch so ein kurzes Kind ist wie Kamira.

Am nächsten Tag sahen sie den Heiligen Vater, den Freund der Armen. Er kam mit seinem Jeep, man erzählte sich, den habe er bei einem Bauern ausgeliehen. Die Frau von der Hilfsorganisation kann nur Gutes über ihn berichten. Sie sagt, er war in einem Gefängnis in Süditalien, in dem Süchtige und Dealer und andere Kriminelle eingesperrt sind. Er nahm an ihnen die Fußwaschung vor. Wenn das kein Zeichen ist, sagt die Frau.

Der Jeep hielt gerade vor den Flüchtlingen, der Heilige Vater stieg aus, und es ergab sich, dass er gerade vor die kleine Kamira zu stehen kam. Das erste, was er sah, war Kamira. Er beugte sich zu ihr nieder, hob sie hoch und legte seine Hände auf ihren Scheitel. Dann setzte er sie auf den Beifahrersitz des Jeeps. Einige Kinder wollten auch in den Jeep, aber die Bodyguards des Heiligen Vater ließen sie nicht. Nur Kamira durfte. Ihre Mutter war so gerührt, dass sie weinte. Sie wusste nicht, wer der Heilige Vater ist, aber das war unwichtig. Sie spürte, da passierte etwas Besonderes. Nachdem der Heilige Vater die Flüchtlinge gesegnet hatte, hob er Kamira vom Sitz und stellte sie neben ihre Mutter.

Seitdem, so erzählt die Frau von der Hilfsorganisation, wird Kamira bevorzugt behandelt – und mit ihr die Mutter. Sie bekamen ein Zimmer zugewiesen, in dem Vorhänge aus Spitze an den Fenstern angebracht waren. Das Bett war sauber und weich.

monika.helfer@vn.vol.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.