Gewissen der Sprache

Vorarlberg / 18.08.2013 • 19:42 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Die frühere bekannte Rundfunksprecherin hält heute noch gerne Lesungen.

DORNBIRN. (VN-ju) Sie ist als Hauptdarstellerin im Hohen­emser Schauspiel „Kriemhild“ unvergessen, war 25 Jahre lang eine der prägenden Stimmen von Radio Vorarlberg – und das alles, ohne je auch nur eine Stunde Schauspiel- oder Sprechunterricht genossen zu haben. Auch heute noch hält sie Lesungen beim Kulturkreis Hohenems und prangert vehement den Niedergang der Sprechkultur in Radio und Fernsehen an.

Edith Witzemann, die sich heute vor allem ihrem kranken Mann widmet, kam 1925 in Wien zur Welt und wohnte mit ihrer Familie ab 1932 in Hohenems. Penibel ruft sie die Stationen ihrer Jugend ab: „Mit 14 kam ich in ein kulturell geprägtes Mädcheninternat in Wien, besuchte im Stehparkett die Staatsoper, sang in einem Chor.“ Doch da war auch die andere Seite: „Wenn wir zu den Erfolgsmeldungen der Nazis im Radio versammelt wurden, wo von der Versenkung von soundso vielen Bruttoregistertonnen die Rede war, ist es mir aufgegangen: Da geht es ja um Menschenleben! Das hat mich geprägt.“

Nach einem Intermezzo an der Angewandten, wo sie Akte und Porträts von großer Ausdruckskraft zeichnete, kehrte Edith nach Hohenems zurück, wo sie ihre musische Begabung zu verwerten begann. Ihr Gefühl für Musik und Sprache trug ihr eine Buffo-Rolle in einem Singspiel der dortigen Amateurbühne ein, das war aber nur eine Vorstufe für jene Partie, die sie dort 1951 zur Legende hat werden lassen.

Im Nibelungendrama „Kriemhild“ von Richard Benzer mit der Musik von Gilbert Klien, in der Regie von Alfons Fitz entwickelte sie die Titelfigur überzeugend vom naiven Mädchen zur rachedurstigen Witwe. Ausverkaufte Vorstellungen vor 5000 Zuschauern in der Turnhalle waren der Lohn. Wollte sie sich nach diesem Erfolg nicht professionell zur Schauspielerin ausbilden lassen? „Ich hab’ gehört, was falsch ist. Meine wichtigsten Lehrmittel waren der Aussprache-Duden und das Lehrbuch von Vera Balser-Eberle mit so guten Übungen, dass ich mich damit ausbilden konnte.“

Edith Witzemann war bald als Sprechlehrerin am Landestheater gefragt, unterwies Lektoren in der Kirche und ihre heute prominenteste Schülerin Heilwig Pfanzelter. Und eines Tages fragte sie Hedy Reichel von Radio Vorarlberg: „Möchten Sie nicht zu uns kommen?“ So kam sie in einer Zeit, da niemand ans Mikrofon durfte, der nicht eine Schauspielausbildung nachweisen konnte, als „Ungelernte“ zu diesem Job, der sie 25 Jahre lang ausfüllte. Sie las Nachrichten, verteilte Grüße im Wunschkonzert, wirkte bei Hörspielen mit, moderierte Musiksendungen – stets als freie Mitarbeiterin, eine Anstellung wurde durch Intrigen verhindert. Sie trug es mit Fassung, sprach stets mit großer Natürlichkeit und hatte damit ihre Hörer im Rücken: „Die Leuten haben mir sogar noch zum Geburtstag gratuliert, als ich schon in Pension war.“

Gar nicht einverstanden ist sie damit, wie heute mit der Sprache umgegangen wird: „Die Redakteure reden wie am Kaffeehaustisch. Aber das ist eine Informationssendung, da darf man nicht das letzte Wort fallen lassen, Endungen verschlucken oder Worte falsch betonen.“

Edith Witzemann im Drama „Kriemhild“. Fotos: Witzemann, Ju
Edith Witzemann im Drama „Kriemhild“. Fotos: Witzemann, Ju

Zur Person

Edith Witzemann-Runge

Sprecherin

Geboren: 4. Mai 1925 in Wien

Ausbildung: Realschule Dornbirn, Universität für Angewandte Kunst

Tätigkeit: 1960 – 1985 Rundfunksprecherin bei Radio Vorarlberg, 1985 – 1993 Lehrauftrag Sprecherziehung am Landeskonservatorium

Familie: verheiratet mit Gerd seit 1950, eine Tochter