Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Schöner Prinz

Vorarlberg / 20.08.2013 • 20:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Schöner Prinz“, sagte der klein gewachsene Mann auf dem Naschmarkt zu meinem Sohn. Wir saßen am Abend unter vielen Menschen, verstanden einander kaum, weil die Musik aus den Lokalen so laut dröhnte. „Muss immer Musik sein?“, fragte ich meinen Sohn. „Schöner Prinz, ­bitte!“ Der kleine Mann formte aus seiner Hand eine Bettelschale. „Fünf Kinder! Pampers kosten zehn Euro.“

Das war sein Spruch, den er an den Tischen mit modulierter Stimme vorbrachte. Er bekam wenig. Muss ja nicht jeder Geld geben. Und schon gar nicht in einer Großstadt. Aber wenigstens anschauen könnte man den Bettler. Ihn anschauen und Nein sagen. Wenn man schon nichts geben will. Zum Beispiel die junge Frau mit ihrer Freundin. Sehr schick in ihrem Kleidchen mit geglättetem Haar, manikürten Nägeln und feinen Schühchen. Schaut ihn nicht an, den kleinen Mann. Wischt mit der Hand, als wollte sie eine lästige Fliege verscheuchen. Wischt ihn einfach weg aus ihrem Leben. Verwöhnter Fratz, denke ich, hast dich in deinem ganzen Leben noch nie für einen anderen interessiert, es sei denn, er nützte dir. Kaufst dir Schühchen um zweihundert Euro von Papas Geld und bist zu geizig, fünf Mal in der Woche zwei Euro für einen Bettler auszugeben. Wirst sagen, das sind immerhin vierzig Euro pro Monat, und fünf mal vierzig Euro sind zweihundert Euro, das gibt wieder neue Schühchen.

Oder die Frau in der Kettenbrückengasse. Knapp vierzig Grad, Mittagszeit. Sie sitzt so eng an einer Mauer, als könnte sie darin verschwinden. Sieht so mager aus. Trägt Kopftuch, ihr Gesicht knochig, die Augen in Höhlen, ihre Hand bettelt. Ich gebe ihr mein Mineralwasser, höre wie eine Frau zu ihrer Begleiterin sagt: „Gute Idee, die sitzt nämlich schon Stunden hier.“ „Die verdursten nicht“, sagt die Begleiterin, „die ticken anders.“

So viele Touristen, die träge ihre Liste mit Sehenswürdigkeiten ablaufen. Sie haken ab, was sie gesehen haben. In den Museen ist es kühl.

In vielen Spitälern gibt es nicht einmal eine Klimaanlage, höre ich, da ist der heiße Sommer ein Fluch, für Kranke und für das Personal. Ich liege in der Badewanne, und wenn ich schreibe, stelle ich meine Füße in den Wasser­kübel, trinke und habe es gut. Dann wieder ein schlechtes Gewissen, weil ich es gut habe. Gerechtigkeit ist ein Wort.

In der U-Bahn spielt ein Mann auf dem Akkordeon, sein Mädchen singt so herzzerreißend. Die Leute sind gerührt. Ihre Gesichter glänzen vom Schweiß. Man möchte sich die Nase zuhalten. Es gibt tatsächlich Menschen, die sich nicht jeden Tag duschen. Weil sie bequem und unhygienisch sind oder einfach, weil sie keine Dusche haben. Was rede ich da. Gerechtigkeit ist nur ein Wort.

monika.helfer@vn.vol.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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