Pionierin der Sozialarbeit

Vorarlberg / 21.08.2013 • 19:17 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Agathe Fessler  Foto: Stadtarchiv Bregenz
Agathe Fessler
Foto: Stadtarchiv Bregenz

Agathe Fessler gründete im Jahr 1900 das erste Heim für obdachlose Frauen in Vorarlberg.

Dornbirn. (gt) Vorarlberg kann auf eine Reihe von Frauen verweisen, die erstaunliche Leistungen hervorgebracht haben. Dies umso mehr, als sie in einer Zeit gelebt haben, in der von Gleichberechtigung keine Rede sein konnte. Zu jenen starken Persönlichkeiten, die dem Zeitgeist trotzten und unbeirrt ihren Weg gegangen sind, gehört auch Agathe Fessler.

Agathe Fessler wird 1870 in Bregenz geboren. Ihre Eltern betreiben dort eine Mühle und später eine Kies- und Sandgrube. An harte Arbeit ist sie schon früh gewöhnt, mehr als eine Volksschulbildung ist nicht drin. Dafür legen ihre Eltern offenbar großen Wert darauf, ihre Tochter zu einer selbstbewussten Frau heranzuziehen. Bekannt ist, dass sie schon als Mädchen den Kieswagen durch Bregenz kutschierte oder allein hoch zu Ross durch die Stadt geritten ist.

Aufsehen erregte auch ihr Kurzhaarschnitt („Bubikopf“). Ein weiteres charakterliches Merkmal ist ihre Einstellung zur Religion: Als überzeugte Christin pocht sie auf Taten, während ihr die kirchliche Institution mit ihren Zeremonien immer fremder wurden.

Agathe Fessler ist 30 Jahre alt, als sie im Jahr 1900 beschließt, in Bregenz ein dringend benötigtes Heim für obdachlose Mädchen und Frauen zu gründen. „Jahr um Jahr“, so Agathe Fessler, „wartete ich in der Hoffnung, dass prominente Frauen der Stadt die Gründung in Angriff nehmen. Umsonst.“ Ihre Eltern unterstützen sie finanziell. Erst nach und nach bekommt sie auch öffentliche Hilfe. Die Bewohnerinnen erhalten eine Berufsausbildung sowie einen kulturellen und sozialen „Schliff“, etwa in Form von selbst organisierten Theateraufführungen und Arbeiten für das Rote Kreuz. So können im Lauf der nächsten Jahre Tausende Mädchen und Frauen vor Prostitution, Ausbeutung und sozialem Elend gerettet werden. Dabei muss sich Fessler oft gegen missgünstige und intrigante Zeitgenossen zur Wehr setzen.

Der Zeit weit voraus

Während des Ersten Weltkriegs von 1914 bis 1918 ist Agathe Fessler getreu ihrer christlichen Verantwortung als Krankenschwester an der Ostfront im Einsatz. Völlig mittellos geworden – das Frauenheim war verkauft, Besitz war keiner mehr vorhanden – wagt Agathe Fessler einen riskanten, neuen Weg: Sie wandert 1920 in die USA aus, wo sie als Hauspflegerin arbeitet. Zwei Jahre später kehrt sie nach Vorarlberg zurück, um hier ein modernes Seniorenheim nach US-Muster zu gründen. Aber niemand zeigt Interesse, die hiesigen Armenhäuser zu reformieren. Wieder kehrt sie in die USA zurück. Aus Philadelphia schreibt sie 1925 Briefe nach Vorarlberg, um Betriebe zur Teilnahme an der Weltausstellung zu bewegen. Vergeblich.

Zum letzten Mal kommt Agathe Fessler 1926 nach Vorarlberg. Zur Bekämpfung des Alkohols, den sie für viel Unglück und Gewalt verantwortlich macht, will sie eine Volksküche einrichten, in der es keine alkoholischen Getränke geben soll. Alles ist schon vorbereitet, aber die Bregenzer Wirte laufen Sturm. Der Plan wird schließlich von höchster Stelle, der Landesregierung, ad acta gelegt. Agathe Fessler ist gebrochen und bitter enttäuscht: „Jetzt gehen mir gründlich die Augen auf, aber auch über. Und eine solche Landesregierung hat noch die freche Stirn, sich christlich zu nennen. Meine liebe alte Heimat, was ist aus dir geworden? Mitleid, Grauen, Ekel. Nur einen Wunsch: weit, weit fort.“

Die 57-Jährige wandert aus nach Brasilien, wo sich ihre Spuren verlieren. Bei Porto Alegre hat sie noch in einer Pestalozzi-Schule für arme Kinder gearbeitet. 1941, im Alter von 71 Jahren, ist Agathe Fessler in Brasilien verstorben.

Literaturtipp: Meinrad Pichler: „Quergänge – Vorarlberger Geschichte in Lebensläufen“, Bucher Verlag, Hohenems 2007.