„Eine Landwirtschaft im Krieg mit der Natur“

Vorarlberg / 23.08.2013 • 18:48 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Werner Lampert hat als Bio-Pionier für den Lebensmittelhandel Marken wie „Ja! Natürlich“ oder „Zurück zum Ursprung“ entwickelt. Foto: Lampert
Werner Lampert hat als Bio-Pionier für den Lebensmittelhandel Marken wie „Ja! Natürlich“ oder „Zurück zum Ursprung“ entwickelt. Foto: Lampert

Bio-Pionier Lampert: Industrialisierte Landwirtschaft birgt große Gefahren.

Schwarzach. Werner Lampert ist Österreichs Bio-Pionier. Der gebürtige Feldkircher hat für Lebensmittelkonzerne Marken wie „Ja! Natürlich“ (Rewe) oder „Zurück zum Ursprung“ (Hofer) entwickelt. Die konventionelle Landwirtschaft hat für den 64-Jährigen ein Ablaufdatum. In 20 bis 30 Jahren werde sie die Menschen nicht mehr ernähren können.

Sie beschäftigen sich schon seit den 60er-Jahren mit biologischer Landwirtschaft. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Lampert: Damals gab es eine Aufbruchbewegung. Da hatte ich das Gefühl, dass die große Wende kommen wird. Viele haben auf Bio umgestellt. Ich habe bei Bauern eine inhaltliche Auseinandersetzung gesehen. Da hatte man das Gefühl, wir werden in einigen Jahren eine andere Landwirtschaft haben. Das ist allerdings längst vorbei.

Wo stehen wir heute?

Lampert: Wenn man den Begriff „industrialisierte Landwirtschaft“ nicht über die Fläche sondern die Methode der Landwirtschaft definiert, gibt es eine enorme Dynamik in diese Richtung. Ich habe größte Sorge, dass wir eine Landwirtschaft haben, die methodisch überall gleich funktioniert. In der industrialisierten Landwirtschaft gibt es keine Regionalität. Dieser Begriff ist dann völlig obsolet.

Welche Gefahren birgt die industrialisierte Landwirtschaft?

Lampert: Industrialisierte Landwirtschaft bedeutet, dass die meisten Betriebsmittel nicht mehr vom eigenen Hof kommen, sondern zugekauft werden. Es entsteht eine große Abhängigkeit. Proteine und Eiweiß stammen aus Südamerika. Unsere Fleischproduktion ist nur möglich, weil der Regenwald systematisch ausgelöscht wird. Auch die biologische Landwirtschaft kann sich nicht vom allgemeinen Trend abkoppeln. Sie lebt nicht in einer Luftblase oder im Paradies. Sie wird da mitgerissen. Im alpinen Raum zwar in verlangsamter Weise. Aber die Tendenz geht in diese Richtung. Was ist denn der Unterschied zwischen Bio und konventionellem Anbau? Ein Biobauer düngt niemals eine Pflanze, ein Biobauer baut Bodenqualität auf. Das war in den 60er-Jahren so, als ich Bio kennengelernt habe. Heute baut die Landwirtschaft keine Bodenqualität mehr auf. Bodenqualität wird systematisch zugrunde gerichtet. Dabei ist die Biodiversität unsere Lebensgrundlage, unsere Lebensversicherung.

Was läuft falsch?

Lampert: Man muss nur schauen, was an Landwirtschaftsschulen gelehrt wird. Die jungen Bauern heute, die können rechnen. Das sind Betriebswirtschafter, die optimieren können und wissen, wie man Erträge steigert. Aber sie haben keine Ahnung, was Lebensmittelqualität ist. Das ist verloren gegangen. Das war in den Anfangszeiten der biologischen Landwirtschaft anders. Heute trifft man kaum noch jemanden, der davon eine Ahnung hat oder eine Vision. Die Landwirtschaft hat nur eine Aufgabe: Sie muss die Menschen ernähren. Wenn man sich unsere Gesellschaft und ihren Gesundheitszustand anschaut, dann weiß man, dass sie noch nie so viel gesunde und intakte Lebensmittel gebraucht hat. Der Fokus sollte im biologischen Anbau wieder weg vom Ertrag hin zur Qualität gerichtet werden. In der konventionellen Landwirtschaft gibt es dieses Thema sowieso längst nicht mehr.

Was macht die Politik?

Lampert: Man kann heute deutlich sagen, dass die Ökologisierung der Landwirtschaft, was eine Absicht der EU war, vollkommen gescheitert ist. Gelingt diese Ökologisierung aber nicht, werden wir in den nächsten 20 oder 30 Jahren keine Lebensmittel mehr aus unserer Umgebung bekommen. Wir haben eine Politik, die sich völlig aus der strategischen Landwirtschaft zurückgezogen hat. Wir haben nur mehr eine Lobbyisten-Politik. In so einem Klima gibt es auch keine großen Umstellungen, keine Wende. Da gibt es nur Leistungssteigerung und noch mal Leistungssteigerung. Und das geht auf Kosten der Qualität – auf Lebensqualität und Tierwohl, auf die Qualität von Grund und Boden. Das mindert die Zukunftsfähigkeit unserer Landwirtschaft.

Wann kann es zu einer Wende kommen?

Lampert : Wenn ich mir die nächste Förderperiode anschaue, wird die regionaltypische Landwirtschaft wahnsinnig unter Druck geraten und zurückgedrängt werden. Bis 2020 wird sich also nichts ändern, dann wird neu verhandelt. Wir werden mit dem Klimawandel dann aber eine ganz neue Situation vorfinden. Jetzt hätten wir die Möglichkeit, freie Entscheidungen, strukturelle Entscheidungen zu treffen. In fünf bis zehn Jahren wird dies nicht mehr möglich sein.

Was muss jetzt passieren?

Lampert: Es muss zu einer Ökologisierung der Landwirtschaft kommen. Entweder wir ziehen Lebensmittel auf Steinwolle mit Chemie-Cocktails oder unsere Lebensmittel kommen auch in Zukunft aus der Natur. Dann dürfen wir aber keine Landwirtschaft mehr betreiben, die im Krieg mit der Natur ist. Und es gibt keine Alternative zur biologischen Landwirtschaft in Verbindung mit der Qualität der Region. Über Regionalität kann allerdings nur in einer ökologischen Landwirtschaft gesprochen werden.

Zur Person

Werner Lampert

Bio-Pionier, Berater, Buchautor und Erfinder der Marken „Ja! Natürlich“ und „Zurück zum Ursprung“

Geboren: 7. 10. 1946

Geburt- bzw. Wohnort: Feldkirch, lebt seit 1971 in Wien

Bücher: „Schmeckt’s noch? Was wir wirklich essen“; „100 Lebensmittel, die Sie glücklich machen“