„… und keiner geht hin!“

Vorarlberg / 23.08.2013 • 20:09 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Foto: fotolia
Foto: fotolia

Er hatte sich gerade das Lesen beigebracht – mit 71 Jahren – und das fast ohne fremde Hilfe. Er las in einem alten Kalender mit vielen Rezepten zum Weihnachtsfest und in einem Notizbuch eines Viehhändlers, das dieser vor Jahren verloren hatte. Er las wieder und wieder und klatschte dabei in die Hände. Die tiefe Leidenschaft des Lesens hatte ihn so sehr erfasst, dass er die ganze Welt um sich vergaß.

Da kam die Nachricht, dass ein kriegerischer Überfall eines berüchtigten Generals auf das Dorf geplant war. Der Leseteufel zeigte sich von der Bedrohung unberührt. Seine Augen leuchteten und seine Lippen fabrizierten Wort um Wort, während sein Zeigefinger über die Zeilen des Bauernkalenders glitt. Da trat ein Nachbar in die Stube, er trug eine ungeheure Flinte bei sich und sprach: „Gefahr droht! Wir müssen in den Krieg!“ Der Angeredete erwiderte: „Wo bleiben die Manieren, wie kannst du mich beim Lesen stören? Aber wenn die Sache so ist, ich komme!“. Der Alte nahm sein Gewehr, küsste seine Lektüre und verbarg sie im Gepäck. Die beiden bewaffneten Herren bezogen ihre Posten in einem nahegelegenen Jagdhaus. Weil es sehr kalt war, suchte der Alte etwas, mit dem man Feuer machen konnte. Dabei entdeckte er … ein hübsches, handliches Buch – und in seiner Brust fing es an, heillos zu rumoren. Er warf sich auf den Boden, vergaß die Kälte und begann zu lesen.

Drohende Gefahr

Währenddessen näherte sich der grausame General mit ­seinen Mannen. In der Hütte rief der Begleiter zum Alten: „Er kommt! Der Satan steht schon vor der Tür!“ Der aber sprach: „Ich schau gleich nach, nur noch dieses Kapitelchen zu Ende!“ Sein Begleiter wurde ungeduldig, er trat vor die Tür und feuerte, was seine Flinte hergab. Er selbst verspürte, dass man ihm eben in eines seiner ­großen rosa Ohren geschossen hatte, ließ die Waffe ­fallen und floh in die Sümpfe. Der Alte aber rief ihm nach: „Nur noch zwei Seiten, wenn ich bitten darf!“ Da kam der General hereingetreten und brüllte heiser: „Spring auf meine Hand, du Frosch, ich will dich halbieren, aber ganz langsam!“ Der entgegnete: „Gleich. Nur noch eine ­Seite!“ Und als der General ihm
den Lauf seines Gewehrs an den Hals drückte, sprach er: „Nur noch zehn Zeilen,
dann wird alles geregelt.“ Das war dem General zu viel, es ­packte ihn das Entsetzen, ­sodass er – seine Flinte ­zurücklassend – das Weite suchte, er und seine ganze Bagage.

So ähnlich kann man diese Geschichte im Büchlein „So zärtlich war Suleyken“ nachlesen. In skurrilen Erzählungen macht Siegfried Lenz seiner Heimat Masuren eine zwinkernde Liebeserklärung, und schildert die Menschen in ihrem vertrackten Charme und ihrer unterschwelligen Intelligenz. Die Geschichte vom „Leseteufel“ zeigt, dass unbeirrbares Bestehen auf geistigen Leidenschaften entwaffnend sein kann. Diese Geschichte ist eine Anti-Kriegsgeschichte.

Einfach ignoriert

Eine andere Anti-Kriegsgeschichte hat sich tatsächlich zugetragen. In der Folgezeit der Reformation kam es in der Schweiz zu kämpferischen Auseinandersetzungen zwischen den Religionsparteien. Im Jahr 1529 wurde Kappel am Albis Schauplatz eines Aufmarsches der verfeindeten Truppen. Während die Führer verhandelten, nutzte das Fußvolk der beiden Heere die Zeit, auf einer Lichtung im Wald einen großen Kochtopf aufs Feuer zu stellen. Die einen brachten Milch, die anderen Brot. Sie bereiteten die berühmt gewordene „Milchsuppe“, die dann von allen gemeinsam verspeist wurde. So konnte wenigstens der erste Kappeler Krieg verhindert werden. Er wurde zum Missfallen der militärischen Obrigkeit einfach ignoriert. Denn was – bei aller Feindschaft – die Menschen miteinander verbindet, ist das kreatürliche Bedürfnis, den Hunger zu stillen. Das stachelt die Verbrüderung an.

Armselige Gewalttäter

„Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“ (Carl Sandburg). Aber was ist, wenn der Krieg zu dir kommt? „’s ist Krieg! ‘s ist Krieg. O Gottes Engel wehre, und rede du darein!“ schreibt Matthias Claudius in einem Gedicht. ‚s ist Bürgerkrieg in Syrien und in Ägypten. ‚s ist Krieg – und wo sonst noch auf der Welt? Ob da ein Engel helfen kann? Ob die Politiker helfen können? Oder die Pazifisten? Wenn die Menschen die „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) durchschauen könnten und die Kriegstreiber in ihrer wahren Lächerlichkeit entlarvten, wenn sie es lernen würden, Kriegsgelüste und Machtdünkel zu verachten und zu verspotten, dann könnte die Hoffnung des biblischen Propheten in Erfüllung gehen: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ (Micha 4,10)

Wolfgang Olschbaur,
Schwarzach, evangelischer Pfarrer i. R.