Ein Vierteljahrhundert im afrikanischen Busch

Vorarlberg / 25.08.2013 • 18:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Kartons voller Medikamente nahm Elisabeth Neier mit nach Afrika. Foto: VN/Paulitsch

Kartons voller Medikamente nahm Elisabeth Neier mit nach Afrika. Foto: VN/Paulitsch

Russ-Preis-Trägerin Dr. Elisabeth Neier denkt noch länger nicht an Rückzug.

Bludenz. (VN-mm) Vier Wochen Heimaturlaub jedes Jahr, diesen „Luxus“ lässt sich Elisabeth Neier nicht nehmen. Die Familie treffen, ein bisschen abschalten vom harten Job als „Busch-Ärztin“ in Kamerun. Seit 25 Jahren arbeitet die Bludenzerin nun schon im Krankenhaus von Ngaoubela. Hat es von 80 auf heute 155 Betten ausgebaut. Für ihr Engagement wurde Elisabeth Neier 2001 mit dem Dr.-Toni-Russ-Preis der Vorarlberger Nachrichten ausgezeichnet. Mittlerweile ist sie 60, aber nach wie vor unermüdlich für ihre Patienten da. An Rückzug denkt die Allgemeinmedizinerin vorerst nicht. „Drei bis vier Jahre“ möchte sie mindestens noch in Kamerun bleiben. Ihr größtes Problem: eine Nachfolge zu finden.

Telefon und Internet

Elisabeth Neier sitzt im Wohnzimmer ihres Elternhauses in Bludenz. Es ist vollgestellt mit Kartons, in denen sich Geräte und Medikamente befinden. Teure Medikamente, die sie in Afrika nicht bekommt. Ein Zivildiener, ein Medizinstudent und eine junge Frau, die in Ngaoubela ein soziales Jahr absolviert, werden mitfliegen. Allen drückt Elisabeth Neier eines dieser wertvollen Gepäckstücke in die Hand. „Der Transport mit dem Flugzeug ist billiger“, sagt sie. Container dagegen sind teuer und oft monatelang unterwegs.

Dafür funktionieren jetzt Telefon und Internet. „Ein bisschen langsam zwar, doch es geht.“ Elisabeth Neier beklagt sich nicht. Denn sie hat diesbezüglich schon schlechtere Zeiten erlebt. Früher war sie wochenlang nicht erreichbar. Jetzt kann sie sich regelmäßig bei ihrer betagten Mutter melden, die immer noch viel Organisationsarbeit leistet. „Meine wichtigste Drehscheibe“, lobt die Tochter und lächelt die rüstige alte Dame liebevoll an.

Neues OP-Gebäude

Den ersten Afrika-Einsatz absolvierte Elisabeth Neier 1988 für „Ärzte ohne Grenzen“. Damals arbeitete sie in einem Flüchtlingslager im Tschad. „Danach war ich sozusagen eingelernt“, erzählt sie. In Kamerun blieb Neier, weil sie sich in Vorarlberg „nicht einfach irgendwohin setzen lassen“ wollte, so, wie es den damaligen Absolventen aufgrund des herrschenden Überangebots an Medizinern vorausgesagt wurde. Sie ging lieber dorthin, wo es Ärzte brauchte und etwas zu tun gab. Elisabeth Neier tat viel. Sie baute, auch mit Unterstützung von Spenden der VN-Leser, eine Geburtenstation auf. Im vergangenen Jahr konnte sie dank der Hilfe eines Gönners aus Vorarlberg ein neues OP-Gebäude errichten.

Großer Mangel an Ärzten

Ärztemangel kennt sie auch. Dauerhaft Mediziner zu finden, sei enorm schwierig. Derzeit gibt es nur sie und einen jungen Kollegen. Deshalb muss das Pflegepersonal viel an Erstabklärung übernehmen. Dass immer wieder einmal Ärzte aus Vorarlberg bei ihr vorbeischauen, „hilft mir sehr“. Zivildiener und Handwerker sind ihr ebenfalls stets willkommen. Jener Zivildiener, der mit ihr jetzt nach Afrika flog, wird als gelernter Zimmermann für die Möblierung des OP-Traktes sorgen. Auch der Russ-Preis habe ihr viel gebracht. So sei es möglich gewesen, ein spezifisches Laborgerät zur HIV-Testung anzuschaffen. „Das erste in Mittelkamerun“, merkt Elisabeth Neier stolz an. Immerhin 25 Prozent ihrer Patienten sind mit dem HI-Virus infiziert. Auch Krebsbehandlungen nehmen zu. Doch die Medikamente sind sehr teuer. Besonders bei deren Anschaffung ist die Busch-Ärztin auf Spenden angewiesen.

Probleme mit dem Strom

Ein weiteres Problem stellt die Stromversorgung dar. Zumal das von Pfadfindern 2000 gespendete Notstromaggregat defekt ist. „Eine Photovoltaikanlage für den Notstrom wäre ein Traum“, sinniert Elisabeth Neier. Sie weiß wohl: „Meine Arbeit verändert nicht die Welt.“ Was für sie zählt, ist, dass „ich Menschen helfen kann, die sonst keine medizinische Versorgung hätten und meine Erfahrungen an andere weitergeben kann“. Pro Jahr werden im Krankenhaus Ngaoubela rund 4000 Patienten stationär und 9000 ambulant betreut.

Zur Person

Dr. Elisabeth Neier

Geboren: 8. März 1953 in Bludenz

Familienstand: ledig

Werdegang: Ausbildung zur Volksschullehrerin, dann Medizinstudium, seit 1988 als Ärztin in Afrika tätig

Spendenkonten: Entwicklungspartnerschaft für Kamerun, Kto.-Nr. 12 358 535 117, und Nothilfe Kamerun, Kto.-Nr. 12 196 241 144, beide Hypobank Vorarlberg, BLZ 5800