St. Gallen bremst Bohrprojekt ein

Vorarlberg / 27.08.2013 • 20:06 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Bohrloch wird im Oktober verschlossen und frühestens im Sommer 2014 wieder eröffnet. Foto: St. Gallen
Das Bohrloch wird im Oktober verschlossen und frühestens im Sommer 2014 wieder eröffnet. Foto: St. Gallen

Nach Erdbeben prüfen Geothermie-Experten noch die Wasservorkommen, dann wird das Bohrloch bis Sommer 2014 verschlossen.

St. Gallen. (VN-tm) Fünf Wochen sind verstrichen, seit im St. Galler Rheintal die Erde bebte. Ausgelöst wurden die Erdstöße mit einer Magnitude von bis zu 3,5 durch Bohrarbeiten im Rahmen des St. Galler Geothermie-Projekts. Mit Erdwärme sollen künftig bis zu 3000 Haushalte mit Strom versorgt werden. 160 Millionen Euro will die Stadt dafür einsetzen. Doch das Beben hat vieles verändert.

Gaseintritt mit Folgen

Seit 20. Juli suchen Experten nach den Ursachen des Zwischenfalls. Das Geothermie-Projekt war an diesem Samstagmorgen in eine entscheidende Phase getreten. Dann drang unerwartet Gas ein. Der Druck im Bohrloch stieg. Die Mannschaft hielt mit Wasser und „schwerer Bohrspülung“ dagegen. In der Folge bebte die Erde. Personen wurden nicht verletzt, aber zahlreiche Sachschäden wurden in den Tagen danach gemeldet.

Die Experten sagen heute, dass „die kritisch gespannten Trennflächen in der Erdkruste und die darin gespeicherte Bruchenergie bereits vor Projektbeginn vorhanden“ waren. Die Bohrung habe das fragile System allerdings aus dem Gleichgewicht gebracht.

Bedeutet das nicht künftig erhöhte Vorsicht bei Bohrprojekten jedweder Art? „Ja“, nickt Urs Weishaupt von der Stadt St. Gallen, die Gutachten aber sprächen von einem „kalkulierten Risiko“.

Michael Sonderegger von der Projektleitung betont zudem, dass diese Beurteilungen nur ein Umfeld von wenigen 100 Metern betreffen. „Darüber hinaus können wir keine Aussagen machen.“

Wie geht es nun weiter? Zunächst wollen die Arbeiter eine Messsonde bergen, die seit 20. Juli in über 4000 m Tiefe begraben liegt. Sie hat wichtige Daten zu den Druck- und Temperaturverhältnissen gespeichert. Dann wird auf den letzten 400 Metern bis auf eine Tiefe von 4450 m ein perforiertes Rohr ins Bohrloch eingebaut. Bis Ende Oktober wollen die Spezialisten damit herausfinden, ob wirklich 50 Liter Wasser pro Sekunde aus der Tiefe gefördert werden können.

Die St. Galler Behörden betonen, dass bei diesen noch anstehenden Bohrlocharbeiten weitere Erdbeben nicht ausgeschlossen werden. Das Projekt werde in so einem Fall sofort gestoppt. Die Produktionstests erfolgen mit demselben Verfahren wie bei einer Gasbohrung, mit Verschlüssen und Ventilen. So will man üblen Überraschungen künftig aus dem Weg gehen.

Bis Sommer 2014 zu

Das Bohrloch wird in der Folge voraussichtlich Ende Oktober 2013 provisorisch verschlossen und bleibt bis mindestens Sommer 2014 zu. Diesen langen Projektunterbruch wollen die St. Galler Experten nützen, „um die Risiken, das Erschließungskonzept sowie die finanziellen Aspekte ohne zeitlichen Druck neu zu beurteilen und mögliche Projektanpassungen zu beschließen“, so die Stadt. Geben die Experten grünes Licht, ist eine zweite Bohrung geplant, damit das heiße Wasser wieder zurückbefördert werden kann. Aber auch ein völliger Abbruch des Projekts steht nach wie vor im Raum, sagt Sonderegger.

Bei einem solchen vollständigen Abbruch müssten die Stadtwerke und damit die Stadt St. Gallen für die entstandenen Kosten aufkommen. Es würde sich um Abschreibungen in der Höhe von ungefähr 30 Millionen Franken handeln. „Das würde uns natürlich schmerzen, aber wir haben genug Rückstellungen. Die finanziellen Rahmenbedingungen sind intakt“, betonte Stadtrat Fredy Brunner.