Papst lässt Vatikan erzittern

Vorarlberg / 22.09.2013 • 21:02 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Papst am Sonntag auf Sardinien: Er wettert gegen das Idol Geld und sprach Arbeitslosen Mut zu. Foto: AP
Der Papst am Sonntag auf Sardinien: Er wettert gegen das Idol Geld und sprach Arbeitslosen Mut zu. Foto: AP

Nicht einmal das vatikanische Staatssekretariat durfte bei Papstinterview mitreden.

München. Als Papst Franziskus vor Tagen sein erstes ausführliches Interview gab, saß ein Vorarlberger quasi mit am Tisch: Der in Bregenz aufgewachsene Jesuit Andreas Batlogg zählt zu jenen 13 Chefredakteuren europäischer Jesuitenzeitschriften, die das Interview eingefädelt haben und jene Fragen formulierten, die Antonio Spadaro mit Papst Franziskus durchackerte. Anders als Benedikt XVI. ließ sich Franziskus die Fragen vorher nicht vorlegen. Am Gesamttext hat er wenig verändert. Sein Staatssekretariat blieb ungefragt. Die Weltpresse wertete das Interview als Zeichen einer Kirchenwende. Die VN haben sich mit Batlogg einzelne Zitate noch einmal angesehen.

Der Papst über sich selber

„Ich bin ein Sünder, den der Herr angeschaut hat.“ Für Batlogg hat das nichts Kokettes: „Das ist nicht nur ein Bescheidenheitstopos.“ Das Wort erinnert vielmehr an die Szene auf der Loggia des Petersdomes in der Nacht seiner Wahl. „Franziskus hat sich verbeugt und die Menschen gebeten: Segnet ihr mich zuerst.“ Und so sieht das heute im Alltag aus: Ordensfrauen werfen sich vor dem Papst auf die Knie. Und der sagt nur: „Bitte, stehen Sie doch auf, ich bin doch nicht das Jesuskind.“

Über die Kurie in Rom

„Die römischen Dikasterien (…) sind Einrichtungen des Dienstes. In Einzelfällen, wenn man sie nicht richtig versteht, laufen sie Gefahr, Zensurstellen zu werden. Es ist eindrucksvoll, die Anklagen wegen Mangel an Rechtgläubigkeit, die in Rom eintreffen, zu sehen. Ich meine, dass diese von der Bischofskonferenz untersucht werden müssen.“ Der Papst, der als Erzbischof von Buenos Aires „massive Probleme mit der Kurie hatte“, stärkt hier bewusst die Position der über 5000 Bischöfe auf der Welt. Deren Versammlungen will er zu Rate ziehen. Und wirklich zuhören: „Ich wünsche mir wirkliche, keine formellen Konsultationen.“ Batlogg: „Wenn das praktiziert wird, brauchen wir kein Drittes Vatikanisches Konzil mehr.“

Über die Ökumene

„Wir müssen vereint in den Unterschieden vorangehen. Es gibt keinen anderen Weg, um eins zu werden.“ Die Kirche geht auf das Jahr 2017 zu, dann feiert die Reformation das 500. Jahr ihres Bestands. „Der Papst weiß, dass das Dokument ,Dominus Jesus‘ im Jahr 2000 viele verletzt hat.“ Es sprach den evangelischen Christen das Kirche-Sein ab. Der neue Papst kurbelt, so Batlogg, den Nachdenkprozess wieder an: Wie kann das Papstamt im ökumenischen Verbund gelebt werden?

Über das II. Vatikanische Konzil

„Das Zweite Vatikanum war eine neue Lektüre des Evangeliums im Licht der zeitgenössischen Kultur.“ Klarer kann der Papst es nicht sagen: Die leidigen Streitereien um die authentische Interpretation dieser gewaltigen Kirchenversammlung von 1962 bis 1965 müssen aufhören.

Über die Rolle der Kirche heute

„Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss einen schwer Verwundeten nicht nach Cholesterin oder nach hohem Zucker fragen. Man muss die Wunden heilen.“ Mit dem Bild des Lazaretts bekennt der Papst laut Batlogg, dass die Kirche durch ihre Lehre auch Wunden geschlagen hat. Er spart nicht mit Kritik. Etwa im Bild vom Beichtstuhl als Folterinstrument: Da muss sich niemand wundern, wenn keiner hineingeht. „Das Volk Gottes will Hirten und keine Staatskleriker“, sagt der Papst.

Über Homosexualität

„Einmal hat mich jemand provozierend gefragt, ob ich Homosexualität billige. Ich habe ihm mit einer anderen Frage geantwortet: ‚Sag mir: Wenn Gott eine homosexuelle Person sieht, schaut er die Tatsache mit Liebe an oder verurteilt er sie und weist sie zurück?‘ Man muss immer die Person anschauen.“ Franziskus kennt keine Berührungsängste. Er krempelt die Lehre der Kirche nicht um. Aber er will, dass sie anders mit den Menschen umgeht. Wie? Das macht er vor. Aus dem Vatikan ist längst durchgesickert, dass der Papst sich ein, zwei Nachmittage in der Woche von Terminen frei hält, um unmittelbar Seelsorge zu betreiben: „Dann ruft er Leute an und fragt: Wie kann ich Ihnen helfen?“, sagt Batlogg.

Über die Rolle der Frau

„Die Reden, die ich über die Rolle der Frau in der Kirche höre, sind oft von einer Männlichkeits-Ideologie inspiriert. (…) Der weibliche Genius ist nötig an den Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden.“ Für Batlogg ist klar: „Das heißt nichts weniger, als dass im Grunde Frauen auch Kongregationen leiten oder Kardinäle werden können.“

Papst Franziskus, sagt Batlogg, lebt im vatikanischen Gästehaus zutiefst bescheiden. „Zwei, drei Statuen, fast keine Bücher.“ Er ist jetzt 76 Jahre alt, 20 Jahre älter als Johannes Paul II. am Tag der Wahl. „Er hat nicht viel Zeit.“ Wenn er freilich in der Geschwindigkeit weitermacht, wird sein Nachfolger das Rad nicht zurückdrehen können.

Zur Person

Andreas R. Batlogg

gehört zu den Chefredakteuren europäischer Jesuitenzeitschriften, die das erste ausführliche Papst-Interview veröffentlicht haben.

Geboren: 1962 in Vorarlberg

Ausbildung: Studium der Philosophie und Theologie in Innsbruck

Laufbahn: seit 1985 Jesuit, wissenschaftlicher Leiter des Karl-Rahner-Archivs und seit 2009 Chefredakteur der „Stimmen der Zeit“