Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Und dann noch einen Fernseher

25.09.2013 • 20:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das Kindsvolk äußert den Wunsch nach eigenen Zimmern. Seit je teilt es sich ein kleines Durchgangsspielzimmer und ein ebensolches Schlafzimmer; erst in einem Gitterbett, dann in zweien. Dann schliefen die Kinder jahrelang gemeinsam auf dem riesigen, superbiodings Futon, den die damals noch jungen, hippen Eltern erstanden und schon nach zwei Wochen wegen Rückenmords aus dem Schlafzimmer verbannt hatten. Aber für Kleinkinder: passt. Mit sechs fanden sie das allerdings würdelos, zu zweien in einem Bett, was heißt: auf einer Matratze am Boden schlafen zu müssen: wer gezwungen werde, in die Schule zu gehen, hieß es, habe auch Anspruch auf ein eigenes Bett. Und zwar auf ein Hochbett. Aha. Soso. Nichts davon hatte in der Kinder-Bedienungsanleitung gestanden, auch nicht in der Rubrik „Zwillinge“, aber bitte. Unter die Hochbetten kamen Hängematten zum Chillen, vor die Betten nach einiger Zeit geblümte Vorhänge zum Zuziehen. Aus dem Spielzimmer wurde eine Kinder-Werkstatt, von den Eltern liebevoll „Mülldeponie“ genannt; das war, bevor es den gebrechlichen Erziehungsberechtigten nach Jahren endlich einmal gelang, im Zuge einer Zimmerdurchsuchung die Hochbetten zu erklimmen. Korrekt: bevor es unaufschiebbar notwendig geworden war. Der Grund dafür ist überaus ungustiös und hinreißend umrissen mit den Stichworten Fleischfliegenplage / gut versteckes Osternest aus dem Vorjahr.

Jetzt ist man elf und der Umstand, dass man mit der nächsten Verwandtschaft ein Zimmer teilen und fremdes Geschnarche ertragen muss, erst einmal nichts als entwürdigend. Man könne auch überhaupt keine Freundinnen mehr einladen, die Wohnsituation sei einfach zu peinlich. Und man müsse zudem auf sein verbrieftes Recht auf Privatsphäre pochen, andernfalls Jugendfürsorge. (Auch davon stand nichts in der Gebrauchsanweisung.) Das Hochbett sei überdies total kindisch, etwas für Babys bitte, das müsse weg. Stattdessen hätte man gern einen begehbaren Kleiderschrank. Und einen eigenen Fernseher, wenn man schon dabei sei. Ja, haha.

Aber o. k., der Zimmerwunsch wird respektiert. Es rangiert schließlich im eigenen Dasein in der Liste der schönsten Tage im Leben jener, an dem man eine eigene Kammer bezog und fortan nicht mehr mit den kindischen kleinen Schwestern ein Zimmer teilen musste, immer noch weit oben. (Andererseits: Kaum war man aus diesem eigenen Zimmer ausgezogen, um in der Hauptstadt erwachsen zu werden, teilte man sich auch schon wieder ein Zimmer, wenn auch mit keinen Schwestern. Und dann noch eins. Und daran hat sich bis zum heutigen Tage nichts geändert.)

Dennoch. Es wird umgebaut, die Hochbetten werden abgesägt, und im Zuge der Entdurchgangszimmerisierung ergibt sich sogar ein von zwei Seiten begehbarer Schrank. Nur der Fernseher: träumt weiter, Schatzis. In eurer eigenen Wohnung dann. Wo ihr dann auch wieder freiwillig Zimmer teilt; wenn auch wahrscheinlich nicht miteinander.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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