„Endlich mehr Vertrauen in die Bürger setzen“

Vorarlberg / 01.10.2013 • 20:04 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Jetzt wäre die Chance da, Eigenverantwortung und Bürgerbeteiligung zu stärken, sagt Stadelmann. Foto: VN/Steurer

Jetzt wäre die Chance da, Eigenverantwortung und Bürgerbeteiligung zu stärken, sagt Stadelmann. Foto: VN/Steurer

Österreich muss die direkte Demokratie stärken. Das täte Menschen und Wirtschaft gut.

Schwarzach. (VN-tm) Der Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler David Stadelmann kann in den allgemeinen Chor der Klagen nicht einstimmen. Er sieht mehr Chancen als Probleme.

Eine große Unzufriedenheit hat auch bei den Nationalratswahlen Regie geführt. Dieses diffuse „Es geht uns immer schlechter“. Sind wir so übel dran?

Stadelmann: Das diffuse Gefühl bezieht sich aus meiner Sicht eher auf die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung. Hier müssen wir analysieren, wie das Potenzial unseres Landes und der Menschen besser genutzt werden kann. Österreich hat die Finanz- und Wirtschaftskrise bislang relativ gut überstanden und ist seitdem auch real vergleichsweise gut gewachsen. Die Staatsverschuldung ist zwar angestiegen, aber sie hat im Vergleich zu anderen Ländern in Europa und auch im Vergleich zu den USA und Japan kein bedrohliches Ausmaß. Die Inflationsrate ist stabil und relativ niedrig.

Ist der Euro wirklich kein „Teuro“?

Stadelmann: Gefühlt ist der Euro ein Teuro. Die Inflation gemessen am Verbraucherpreisindex zeigt aber ein anderes Bild. Der Geldwert des Euro ist stabil und die Inflation ist niedrig. Die von den Bürgern gefühlte Inflation unterscheidet sich von der tatsächlichen. Drei Gründe erklären eine relativ hohe gefühlte Inflation: (1) Viele Bürger nehmen Preissteigerungen stärker negativ wahr als Preissenkungen positiv. (2) Die Preise für kaufhäufige Güter des täglichen Gebrauchs wie Nahrungsmittel sind relativ stärker gestiegen als für Güter, die seltener gekauft werden. Preisänderungen von kaufhäufigen Gütern werden aber auch stärker gefühlt. (3) Viele Menschen vergleichen die Preise von heute immer noch mit Schillingpreisen. Dann ist es natürlich teurer geworden, aber es ist auch schon über ein Jahrzehnt bei moderater Inflation vergangen.

Sätze wie das Postulat von den Grenzen des Wachstums und Bilder der zerstörten Umwelt erzeugen ein ohnmächtiges Gefühl: Die Probleme sind für den Einzelnen schlicht zu groß.

Stadelmann: Wachstum muss nicht immer Umweltzerstörung bedeuten. Oft haben wir ein falsches Bild von Wachstum. Unter Wachstum verstehe ich nicht „immer mehr Autos“ sondern eher „immer bessere, sicherere, umweltschonendere Autos“. In vielen Bereichen verbessert Wachstum unsere Lebensqualität ohne große Eingriffe in die Umwelt. Denken wir nur an medizinische Behandlungsmethoden, bessere Recyclingmöglichkeiten oder die enorme Entwicklung, die das Internet eingeleitet hat. Reichere Länder produzieren häufig effizienter und umweltschonender als ärmere Länder. Und die Menschen in reicheren Ländern können es sich auch leisten mehr Wert auf eine bessere Umwelt zu legen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung in den USA? 800.000 Staatsdiener bekommen seit Wochenbeginn kein Geld mehr.

Stadelmann: Für die USA ist es ja nicht der erste sogenannte „Shutdown“, und der Streit zwischen Demokraten und Republikanern über Steuern, Gesundheitsreform und Verschuldungsgrenze ist auch nicht neu. Aber der Fall zeigt gut, dass viele der heutigen Probleme in der Politik zu suchen sind. Wir müssen also Wege finden, wie wir zu besseren politischen Entscheidungen kommen. Dabei sehe ich vor allem eine Stärkung des Föderalismus sowie eine Ausweitung der Bürgerbeteiligung durch direkte Demokratie als besonders Erfolg versprechend.

Warum?

Stadelmann: Die Ergebnisse der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur mit Bezug auf direkte Demokratie sind eindeutig: Direkte Demokratie schafft Wohlfahrt und ist gut für Bürger und Wirtschaft. Viele Studien bestätigen ihren positiven Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die Effizienz des Staates, die Bodenpreise als Maß für die Standortqualität und die Zufriedenheit der Bürger. Insbesondere wir als Vorarlberger haben da auch gegenüber den anderen Österreichern einen Vorsprung. Wir können uns vom zwar nicht fehlerlosen, aber doch gut funktionierenden System der Schweiz inspirieren lassen. Aber auch die erfolgreichen deutschen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg haben zahlreiche direkt-demokratische Elemente eingeführt.

Ein Land wie Österreich braucht sich Ihrer Ansicht nach ent­gegen allen Unkenrufen nicht zu fürchten. Ist das nicht etwas blauäugig?

Stadelmann: Wohlgemeinte Kritik sollte man immer ernst nehmen, bloße pessimistische Äußerungen würde ich persönlich etwas weniger stark gewichten.

Wie kann es gelingen, der Wirtschafts- und Finanzkrise Chancen abzutrotzen?

Stadelmann: Vor der Finanz- und Wirtschaftskrise gingen zu viele Ressourcen in den Finanzsektor statt in die Produktion und die innovativen Sektoren. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Anreize im System so gesetzt sind, dass fähige Arbeitskräfte und Kapital wieder mehr in die Produktion gehen. Gleichzeitig bieten sich jetzt neue Chancen, die Verbesserung von politischen Institutionen voranzutreiben und mehr Vertrauen in die Bürger zu setzen. Auch hat die Finanzkrise gezeigt, dass wir Eigenverantwortung auf allen Ebenen sowie in der Wirtschaft selbst stärken müssen.

Zur Person

David Stadelmann

Seit 1. März Universitätsprofessor an der Uni Bayreuth, Deutschland.

Geboren: 10. Juni 1982

Ausbildung: HAK Bezau, Masterabschluss Mathematik und Volkswirtschaft sowie Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Fribourg

David Stadelmann referiert am Donnerstag, 10. Oktober, um 19 Uhr in der Volkshochschule Götzis. Anmeldung unter 05523/ 55150 oder
www.vhs-goetzis.at

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