Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

,,Ich bin doch nur besorgt“

Vorarlberg / 01.10.2013 • 21:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Ich bin doch nur besorgt“, sagte die Mutter. Sie wartete in der Ambulanz, war voller Ungeduld und streichelte ihr weinendes Kind, ein etwa drei Jahre altes Mädchen mit einem winzigen Schwänzchen mitten auf dem Kopf, zusammengehalten von einer himmelblauen Schleife. Das Kind wehrte sich, als wolle es in Ruhe gelassen werden. Blass war es. Die Mutter streichelte weiter, der Arzt kam, und die Frau beschwerte sich, weil sie so lange warten musste. „Schließlich hat mein Kind Bauchkrämpfe.“

„Kommen Sie mit“, sagte der Arzt und führte sie in das Sprechzimmer. „Also Bauchkrämpfe. Und wie lange schon?“

„Drei Tage bestimmt“, sagte die Mutter. „Es wird nicht besser, wiederholt kommt das vor, ich war schon einige Male im Spital mit ihr.“

„Bei uns auch?“, fragte er Arzt.

Die Frau verneinte. Immer war sie mit dem Kind in verschiedenen Krankenhäusern gewesen. Das Kind war auch schon durchuntersucht worden, nichts konnte gefunden werden. Der erfahrene Arzt besah sich Frau und Kind, gewann den Eindruck, dass hier etwas nicht stimmte. Die Frau redete gewählt, schien ihm gebildet, aber ihre Besorgnis und – wie sie sagte – die unendliche Liebe zu ihrem Kind nahm er ihr nicht ab. Er dachte sogar, sie wolle mit ihm flirten, sie war sorgfältig zurechtgemacht, geschminkt und roch nach gutem Parfum. Das Kind weinte nur.

Dem Arzt, der schon viele Jahre Praxis hatte, fiel ein ähnlicher Fall ein und seine Alarmglocke im Kopf klingelte: Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Die Mutter möchte wahrgenommen werden, an Bedeutung gewinnen, und deshalb wird ihr Kind krank. Wird krank gemacht. In dem zurückliegenden Fall brach die Mutter ihrem kleinen Sohn die Knochen, leugnete, falsche Verdächtigungen gab es, schließlich gab sie es zu.

„Woher – denken Sie – hat Ihr Kind chronischen Durchfall?“, fragte er. „Was geben Sie ihm zu essen? Verabreichen Sie ihm Abführmittel?“

Da gab sich die Frau empört, und sie redete laut und sagte, das müsse sie sich nicht gefallen lassen. „So eine Frechheit!“ Sie machte Anstalten, das Sprechzimmer zu verlassen, wie sie es immer getan hatte. Der Arzt hielt das Kind zurück.

„Sie bleiben beide hier“, sagte er. „Ich verlange, dass Sie einem Psychiater vorgeführt werden. Wenn Sie sich weigern, erstatte ich Anzeige.“

Es kam heraus, dass die Frau ein harmonisches Familienleben führte und mit einem braven Mann zusammenlebte, der nie einen Verdacht gehegt hatte und nun die Welt nicht mehr verstand.

Diese Krankheit wurde nach dem Lügenbaron Münchhausen benannt, der unter anderem behauptet hatte, er habe einem Hirsch eine Ladung Kirschkerne in den Kopf geschossen, woraufhin neben dessen Geweih ein Baum gewachsen sei. Alle glaubten ihm.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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