Meinrad Pichler

Kommentar

Meinrad Pichler

Zwei Gesichter

Vorarlberg / 02.10.2013 • 18:20 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Rund um die Nationalratswahl war eine durchwegs negative Grundstimmung sowohl in den Medien als auch in der privaten Wahrnehmung festzustellen. Begriffe mit negativer Zuschreibung dominierten den politischen Diskurs: Von Stillstand und Blockade war die häufige Rede, die Korruptheit der politischen Klasse und die Machtlosigkeit der Bürger(innen) wurden beklagt und diverse Sündenböcke durch das Land getrieben. Selbst diejenigen, die bisher regiert hatten, brachten kaum aufmunternde Töne in diesen sich trostlos hinziehenden Abgesang in Moll. Die ÖVP versuchte sich vom Regierungspartner zu distanzieren und in der Hoffnung auf eigenes Profil wie eine Oppositionspartei zu gerieren. Die SPÖ wiederum jammerte über den blockierenden Juniorpartner und war auch nicht imstande, die wenigen Leistungen der gemeinsamen Jahre darzustellen.

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Merkel hatte nach der Legislaturperiode nichts Besonderes vorzuweisen, aber sie hat das Wenige herausgestrichen, hat das negative Gebell rundum weitgehend ignoriert, hat kaum an politischen Medienveranstaltungen teilgenommen, aber in Familien-, Jugend- und Modezeitschriften bereitwillig Interviews gegeben. Diesen Weg kann man als Absage ans politische Geschäft, als Ausweichen auf Nebenschauplätze bezeichnen. Erfolg war dieser Strategie aber beschieden. Vielleicht werden die Wahlentscheide der Zukunft weniger in Polittalkshows als vielmehr in anderen Formaten und weniger mit politischem Gezänk als durch persönliche Sympathie und Glaubwürdigkeit entschieden.

Einen erfreulichen Farbtupfer in Zeiten des monatelangen Negativwahlkampfs setzte der österreichische Positivdenker Robert Pfaller beim letztwöchigen Lecher Philosophicum. In der Abfolge streng durchdachter und zum Teil recht akademischer Vorträge setzte er ein mit Leichtigkeit und Humor daherkommendes, deshalb aber nicht weniger gescheites Highlight. Er plädierte für Großzügigkeit und gegen eine zunehmende Verbissenheit, für eine Politik, die Selbstbestimmung der Individuen unterstützt und nicht jene Fehlhaltung fördert, die nach ständigen Regelungen und bei kleinsten Unpässlichkeiten nach dem Arzt oder der Polizei ruft.

Hier war in erfreulichem Glanz das andere österreichische Gesicht zu sehen: Nämlich jenes, das den alltäglichen Problemen mit Schmäh und Humor begegnet, das kleine Widrigkeiten nicht aufbläht, sondern mit angemessenem Augenzwinkern und Augenmaß bewältigt und jenes, das seine Züge nicht gleich verzerrt, wenn kleines Ungemach an der Türe klingelt.

Es war wohltuend, nach Wochen des kleinlichen Hickhacks einen Lobpreis der Großzügigkeit zu hören.

meinrad.pichler@vorarlbergernachrichten.at
Meinrad Pichler ist Historiker und pensionierter Gymnasialdirektor.
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