Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Lauter Professoren

Vorarlberg / 07.10.2013 • 18:53 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Im Entwurf für ein neues Dienstrecht der Lehrer hat die Bundesregierung auch Balsam für verschiedene Wunden verpackt: Künftig können alle Lehrpersonen, nicht nur solche an höheren Schulen, den Titel Professor bzw. Professorin führen. Das ist eine in der Bundeshauptstadt gebräuchliche Form, finanzielle Mittel durch Titel und Orden zu ersetzen. Es kommt ja auch vor, dass der Wechsel in den Ruhestand damit versüßt wird, dass aus einem Ministerialrat flugs ein Sektionschef in Ruhe wird. Ob diese kostensparende Methode auch bei den Volks- und Mittelschullehrern funktioniert, wird man sehen.

Nachdem Titel u. a. die Funktion haben, jemand aus der Masse herauszuheben, wird sich im Laufe der Zeit wohl der Wunsch breit machen, für besondere Funktionen und Verdienste einen neuen Titel zu finden. Das gilt umso mehr, als der Professorentitel – in Deutschland nur an Hochschulen verwendet – bei uns nicht nur auf das Schulwesen beschränkt ist. Er wird vom Bundespräsidenten in großer Zahl ehrenhalber auch an Personen verliehen, die auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung, der Kunst, der Volkskultur, des musealen Sammelns und der Wissenschaft verdienstvoll tätig sind.

Ein exemplarisches Beispiel für die österreichische Titelkultur ist der Hofrat, den es gleich in mehreren, nur für Insider durchschaubaren, Varianten gibt. Da sind zunächst einmal jene Hofräte, die als einzige tatsächlich noch an einem Hof raten, das sind die Richter des Verwaltungsgerichtshofes und des OGH. Dann gibt es jene Bundesbeamten, die nicht als Ministerialrat in einem Ministerium, sondern in gleicher Dienstklasse nur als Hofrat an einer nachgeordneten Dienststelle tätig sind. Ehrenhalber kann auch etwa der Leiter einer Bundesschule zum Hofrat ernannt werden, das ist aber kein Amts-, sondern nur ein Berufstitel. Auf Landesebene signalisiert ein Hofrat, dass es der Betreffende in die Dienstklasse VIII geschafft hat, und damit es einen Unterschied zu einem Schuldirektor gibt, kennen einzelne Bundesländer den „wirklichen“ Hofrat. Niederösterreich schließlich hat auch noch „vortragende“ Hofräte, die stehen in der Hierarchie noch eine Stufe höher. Spaßvögel fügen gelegentlich an, dass es zu guter Letzt überall auch noch nachtragende Hofräte gebe.

Dass es auch anders geht, hat Vorarlberg gezeigt. Schon vor vielen Jahren wurden im Landesdienst alle Amtstitel abgeschafft, später wurden mit einem modernen Dienstrecht aus pragmatisierten Beamten schlichte Landesbedienstete. Die Motivation hat darunter nicht gelitten, aber in den Wiener Ministerien ticken die Uhren eben anders.

juergen.weiss@vorarlbergernachrichten.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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