„Unehrlicher Armutsschmäh“

Vorarlberg / 07.10.2013 • 19:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Als Hausarzt ist Dr. Wolfgang Geppert in Pension. Die Anliegen der Kollegenschaft vertritt er weiter. Foto: Privat
Als Hausarzt ist Dr. Wolfgang Geppert in Pension. Die Anliegen der Kollegenschaft vertritt er weiter. Foto: Privat

Hausärzteverband mahnt aber andere Verbesserungen im ­Gesundheitssystem an.

Schwarzach. (VN-mm) Mit dem „Armutsschmäh“ hat Dr. Wolfgang Geppert nichts am Hut. Im Gegenteil. „Das wäre unehrlich“, meint der Sprecher des Österreichischen Hausärzteverbands in aller Offenheit. Finanziell leiden die niedergelassenen Allgemeinmediziner auch nicht unbedingt Not. In Vorarlberg etwa liegt der jährliche Verdienst, der allein durch GKK-Tarife zustande kommt, bei rund 254.000 Euro. Nur in Wien und Salzburg verdienen die Hausärzte ein bisschen besser.

Als Partner aufwerten

Stattdessen moniert Geppert, dass seine Zunft in den letzten Jahrzehnten arg vernachlässigt, ja sogar aufs Abstellgleis geschoben worden sei. Der drohende Ärztemangel auch im niedergelassenen Bereich kommt für ihn daher keineswegs überraschend. „Hausarztmedizin lässt sich nicht im Spital lernen“, sagt Wolfgang Geppert. Seine Forderung: Um Hausarztpraxen für Jungärzte wieder attraktiv zu machen, muss der Allgemeinmediziner zum ersten und zentralen Ansprechpartner aufgewertet werden und eine verpflichtende 12-monatige Ausbildung in Lehrpraxen bekommen.

Von beidem ist die niedergelassene Medizin weit entfernt. Dafür werden die Spitalsambulanzen gestürmt. Aber: „50 Prozent der Krankheitsfälle gehören da nicht hin“, kritisiert der Niederösterreicher. Hier müsse sich dringend etwas ändern. In „aufgeblähten Ambulanzen“ sieht Geppert nämlich den Hauptgrund dafür, dass Österreich mit jährlich 261 teuren Spitalsaufenthaltstagen pro 1000 Einwohner an der Weltspitze rangiert.

Kaum Veränderungen

Ein anderes Problem stellt kurioserweise die europaweit höchste Ärztedichte dar. Der Grund: Nur 9,3 Prozent sind als Kassen-Allgemeinmediziner, die Wolfgang Geppert als für die Versorgung relevant bezeichnet, tätig. Internationale Studien würden einen Anteil von 30 bis 50 Prozent empfehlen. Die Situation in Österreich stellt sich laut seiner Rechnung so dar: 1983 gab es 3850 Hausärzte mit Kassenvertrag, derzeit sind es 3866. Die ärgerliche Schlussfolgerung des Hausärztesprechers: „In dreißig Jahren hat sich praktisch nichts verändert, außer, dass von uns ständige Mehrleistungen erwartet werden.“

Auch die „frustrierende Kassenbürokratie“ wertet Wolfgang Geppert als für junge Ärzte abschreckend. Im Krankenhaus würden Medikamente einfach verabreicht, draußen bestünden für hausärztliches Handeln zahlreiche Hürden, allen voran die Chefarztpflicht, die Fachärzten erspart bleibe. Wichtig sind laut Geppert ebenso neue Formen der Zusammenarbeit. Teamarbeit müsse in Hausarztpraxen endlich einen Platz finden. Und es brauche zeitgemäße Honorarkataloge als Anreiz zur Leistungsvielfalt. Zur Finanzierung sollten seiner Ansicht nach Geldmittel aus den Spitälern abgezogen und die Kostenträger schnellstens in einen Topf zusammengeführt werden.

Eine kleine Stimme

Wolfgang Geppert weiß wohl, dass der Verband mit gerade einmal 300 aktiven Mitgliedern im Spiel der Großen ein recht kleines Gremium darstellt. „Wir haben immer unter dem mangelnden Zuspruch gelitten“, gibt er zu. Nicht abhandengekommen ist ihm der Glaube an eine Wendung zum Guten. „Es lässt sich noch etwas machen“, übt sich Dr. Wolfgang Geppert in Zweckoptimismus. Den könnte ihm höchstens eine Neuauflage der bisherigen Koalition vermiesen. Denn in der Gesundheitsreform konnte er keinerlei „Zuwendung zum Hausarzt“ feststellen. „Ich bin enttäuscht“, sagt Geppert.

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