Nie nach den Wünschen fragen

Vorarlberg / 08.10.2013 • 19:53 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Idee der Rückkehr zu einer neuen, alten Form der Sozialarbeit fiel auf fruchtbaren Boden. Fotos: VN/Steurer
Die Idee der Rückkehr zu einer neuen, alten Form der Sozialarbeit fiel auf fruchtbaren Boden. Fotos: VN/Steurer

Land plant Pilotprojekt in Sozialraumorientierung: Da zählt vor allem der Wille der Klienten.

Bregenz. (VN-tm) Landesrätin Greti Schmid und Landesrat Christian Bernhard hatten den Experten in „Sozialraumorientierung“ schlechthin nach Bregenz geholt, und 140 Vertreter aus dem Sozialbereich kamen, um sich „den Hinte mal anzuhören“. Wolfgang Hintes Sozialraumorientierung hat wenig mit Geografie zu tun. Sie ist vielmehr die Urform der Sozialarbeit. In 50 größeren Städten und Landkreisen des deutschen Sprachraums laufen Projekte. Vorarlberg dürfte der 51. Kandidat sein.

Wille statt Wunsch

Aber zunächst gibt’s Hinte „unplugged“. Er spricht frei. Und weil er im Ruhrpott daheim ist, hört sich das meistenteils angenehm witzig an. Erst mal räumt er mit Bildern auf. Als was wurden die Menschen, um die es geht, schon so alles bezeichnet! Als „Hilfsbedürftige, Anspruchsberechtigte, Bedarfsträger, als endogene Potenziale . . .“ Vor allem das Kundenbild kritisiert Hinte als grundfalsch. „Denn ein Kunde wird bedient und nicht dazu angeregt, die Schippe selbst in die Hand zu nehmen.“ Der sozialraumorientierte Ansatz fragt niemals: „Was können wir für Sie tun?“ Er fragt: „Wie können sie sich selber helfen“ Oder: Wer außer mir kann ihnen noch helfen?“

Die Menschen, sagt Hinte, sollen keine Wünsche formulieren. „Wünsche sind was für Weihnachten. Für deren Erfüllung sind immer andere zuständig.“ Die Leute sollen ihren Willen ausdrücken. Als Wille lässt er nur Formulierungen gelten, die beinhalten, „dass ich selber erreichen kann, was ich da sage“.

Eigeninitiative unterstützen

Zweites Grundprinzip der Sozialraumorientierung: „Es gibt immer so viel Hilfe wie nötig und so wenig Hilfe wie möglich.“ Oder an die Sozialarbeiter gewandt: „Arbeite nie härter als dein Klient.“

Es geht nämlich laut Hinte nicht darum, „die Leute abzuholen, wo sie stehen“. Das klingt zwar gut, aber bedürftige Individuen irgendwo abzuholen, ist auch mitleidig. Von wegen Augenhöhe. Würde erhält ein Mensch nicht durch Almosen, sondern durch das Gefühl „Das habe ich selbst geschafft“.

Den sozialarbeiterischen Fachkräften sollte nicht am kurzfristigen Erfolg gelegen sein. Sie sollten vielmehr mit den Menschen Pläne entwickeln und Kontakte knüpfen, sodass jeder sein Schärflein zur Lösung beitragen kann.

Der sozialraumorientierte Ansatz fragt nicht nach den Defiziten der Menschen, sondern nach ihren Stärken: „Vielleicht ist der Junge, der immer geklaut hat, ja der beste Kassenwart im Verein. Ganz einfach, weil er weiß, wie man stiehlt, weil er alle Schliche kennt.“ Nun liegen die Fähigkeiten manchmal weniger auf der Hand. Und auch Hinte weiß, dass die Rede von den Potenzialen ein alter Hut ist. Dass aber niemals die Ressourcen der Menschen, sondern deren Defizite in den Akten stehen, liegt Hinte zufolge am System: Leistungsgesetze orientieren sich an Bedarfslagen. „Der Staat will den kaputten Menschen dort sehen“, sonst fließt kein Geld. Damit steckt die Sozialarbeit im Dilemma: Einerseits soll sie Ressourcen finden, andererseits muss sie aufgrund bürokratischer Vorgaben Defizite konstatieren.

Solange die Geldtöpfe überquollen, hat sich Sozialarbeit darin erschöpft, den Klienten Zugänge zu sozialstaatlichen Leistungen zu erschließen. Heute wissen wir: Die Mittel sind begrenzt. Hinte ist daran gelegen, den Blick der Fachkräfte auf aktivierbare Netze im Umfeld der Betroffenen zu weiten: Verwandte, Freunde, Hausarzt, Vereine, Ortspolitiker usw. Dass der leistungsberechtigte Mensch als Einzelfall, losgelöst von seinem sozialen Umfeld, bearbeitet wird, ist Hintes Ansicht nach grundverkehrt. Die „Schätze“ des Sozialraums kann aber nur der nutzen, der sich dort auskennt.

Über den Gartenzaun hinaus

Das sozialraumorientierte Konzept geht an ein Wohngebiet und die dort lebenden Menschen ohne Schablone heran. Im Vordergrund stehen nicht die Ausländer, die Senioren, die Alleinerzieher, sondern alle gleichermaßen. Wer mit Arbeitslosen arbeitet, muss auch mit den Unternehmern arbeiten, wer mit Ausländern arbeitet, muss auch mit Einheimischen arbeiten.

Zusammenarbeit

Gelingen kann das alles nur, wenn Behörden, Ämter und Institutionen über die jeweilige Fallarbeit und Zuständigkeit hinaus zusammenarbeiten. Auch wenn das die eigenen Identitäten infrage stellt. Derzeit gilt, wer viele Fälle hat, kriegt auch viel Geld. Hinte sagt: „Wer Fälle finanziert, finanziert in ein tiefes, schwarzes Loch, das potenziell unendlich ist.“ Ein gutes System ist in seinen Augen transparent und durchlässig. Er plädiert dafür, dass den einzelnen Trägern „ein großes Budget“ zur Verfügung gestellt wird. Entscheidend ist jeweils, ob die mit den Klienten vereinbarten Ziele erreicht wurden. Nicht die Menge der Fälle, sondern die Qualität entscheidet. Landesrätin Schmid will nun ein Pilotprojekt aufgleisen.

Ein Kunde wird nicht dazu angeregt, die Schippe selbst in die Hand zu nehmen.

Prof. Wolfgang Hinte

Stichwort

Sozialraumorientierung. nennt sich ein Konzept für Soziale Arbeit, bei dem es nicht (wie traditionell) darum geht, Einzelpersonen mit pädagogischen Maßnahmen zu verändern, sondern Lebenswelten zu gestalten, die es Menschen ermöglichen, selber besser in schwierigen Lebenslagen zurechtzukommen.

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