„Die Fremden lieben“

Vorarlberg / 11.10.2013 • 17:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Foto: AP
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Bischof Dr. Manfred Scheuer hat einen kurzen, aber wichtigen Artikel geschrieben: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich, heißt es im Psalm 85. Ohne Gerechtigkeit kein Friede. Solange Lebenschancen so ungerecht verteilt sind wie derzeit auf unserem Planeten, kann es keinen beständigen Frieden geben. Die Gesichter der Fremden, Asylanten, Flüchtlinge tragen oft die Narben des Krieges. Asylsuchende und Flüchtlinge ‚stören‘, weil in ihnen Not und Ungerechtigkeit sichtbar wird, und werden so zum ‚Stein des Anstoßes‘.“

Allgemeine Menschenrechte

Bischof Scheuer schreibt weiter: „Wir wohnen in einem der reichsten Länder der Welt und haben auf lange Sicht weder das Recht noch die Chance, unser Land durch strenge Asylgesetze und zum Teil unmenschliche Abschiebepraktiken vor der Not von Flüchtlingen ‚sicher‘ zu machen. Die Allgemeine Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen stellt ausdrücklich fest: ‚Jeder Mensch hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen sowie in sein Land zurückzukehren‘ (Art. 13, Absatz 2). Gerade in einer globalisierten Welt können uns nur das Teilen mit den Armen und weltweite Solidarität vor katastrophalen Entwicklungen bewahren. Gott ‚liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung – auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.‘ (Deuteronomium 10,18f).“

Der fremde Samariter hilft

Es ist es wert, die Bibelstelle, die uns der Evangelist Lukas berichtet, hier wiederzugeben. Der Gesetzeslehrer fragte Jesus: „Wer ist mein Nächster?“ Jesus nahm das Wort und sprach: „Ein Mann ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter Räuber. Diese plünderten ihn aus und schlugen ihn, dann machten sie sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig kam ein Priester jene Straße herunter, sah ihn und ging vorüber. Ebenso kam auch ein Levit an den Ort, sah ihn und ging vorüber. Ein Samariter aber, der seines Weges zog, stieß auf ihn, sah ihn und erbarmte sich seiner. Er trat hinzu und verband seine Wunden, Wein und Öl darauf gießend. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Lasttier, brachte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Denare heraus, gab sie dem Wirt und sagte: ,Trag Sorge für ihn, und was du etwa darüber hinaus aufwendest, will ich dir erstatten, wenn ich wieder komme.‘ Wer von diesen dreien, meinst du, hat sich dem, der unter die Räuber gefallen war, als Nächster gezeigt?“ Jener antwortete: „Der Barmherzigkeit an ihm geübt hat.“ Da sprach Jesus zu ihm: „Geh hin und tue desgleichen!“

Wahre Nächstenliebe

Der bekannte „Echter–Kommentar“ schreibt dazu: „Es wäre für den Gesetzeslehrer ein Eingeständnis seiner Niederlage gewesen, hätte er sich mit Jesu unerwarteter Entgegnung zufrieden gegeben, darum stellt er die weitere Frage: ‚Wer ist mein Nächster?‘ Schon das alte Gesetz verlangte Liebe zu allen, auch zum Nichtisraeliten, dennoch wollten die Rabbiner als Nächsten, dem man Liebe schulde, nur den Volksgenossen und dem Volke förmlich eingegliederten Fremden anerkennen. Würde Jesus diese Einengung des Begriffes gutheißen? Er gibt keine bloß theoretische Antwort, die nur zu weiteren Diskussionen geführt hätte, sondern zeigt an einem konkreten Beispiel aus dem Leben, wie wahre Nächstenliebe handelt. Dadurch ist die gestellte Frage mitbeantwortet: Ein Nächster ist dir jeder Mensch, der deine Hilfe braucht, und du bist es ihm. Ein Nächster war der von den Räubern misshandelte Mensch dem Priester und Leviten, er war es auch dem Samariter trotz der Scheidewand, die nationaler und religiöser Fanatismus zwischen Juden und Samaritern aufgerichtet hatte. Aber Jesus zeigt darüber hinaus – und darauf liegt der Nachdruck – dass Nächstenliebe verlangt, dem hilfsbedürftigen Mitmenschen auch wirksame Hilfe zu bringen, ohne erst zu fragen, wer er sei. So schließt die Erzählung mit der Aufforderung zur Tat wirkungsvoll ab.“

Schon der Anblick eines Unglücklichen verpflichtet

„Als Schauplatz der fiktiven Handlung ist treffend die Strecke zwischen Jerusalem 740 m über und Jericho 250 m unter dem Spiegel des Mittelländischen Meeres gewählt. Der steil abfallende Weg führt durch ein wildzerklüftetes, menschenleeres Bergland, für Banditen ein ideales Betätigungsfeld. Sollte Jesus an einem Ort gesprochen haben, wo die Hörer diese schaurige Wüste vor Augen hatten, wie etwa am Ostabhang des Ölbergs, so mussten seine Worte um so eindrucksvoller klingen.

Es ist nicht gesagt, dass der unter die Räuber gefallene Mann ein Jude war, aber Priester und Levit mussten es vermuten und wären dann als bevorrechtigte Glieder des gleichen Volkes doppelt verpflichtet gewesen, sich seiner anzunehmen. Die Erzählung will aber betonen, dass schon der Anblick eines Unglücklichen verpflichten hätte müssen. Jesus will das herzlose Verhalten von Priester und Levit anprangern, darum darf man für sie auch keine Entschuldigung suchen.“ Es geht also nicht um die Volkszugehörigkeit, sondern um den Grad der Not.

Dr. Herbert Spieler,
Dekan, Frastanz

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