Entfesselter Geist in einem verkrüppelten Körper

Vorarlberg / 15.10.2013 • 17:28 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Hermann von Reichenau (rechts) mit einem Astrolabium neben Euklid (aus einer Handschrift von 1240/50). Foto: Bodleian Library
Hermann von Reichenau (rechts) mit einem Astrolabium neben Euklid (aus einer Handschrift von 1240/50). Foto: Bodleian Library

Er war ein Genie. Dabei war es vor 1000 Jahren­ ein Wunder, dass ­Hermann überhaupt am Leben blieb.  

Reichenau. (VN-tm) Stephen Hawking kennt jedes Kind. Der 61-jährige Physiker aus Großbritannien ist der Popstar der Naturwissenschaften. Dabei sitzt er seit 1968 im Rollstuhl. „ALS“ diagnostizierten die Ärzte. Dabei erkrankt das Nervensystem. Muskelschwäche und Muskelschwund sind die Folge. Man erstarrt. Hawking kann seit 1985 nicht mehr sprechen. Er steuert einen Sprachcomputer mit der Bewegung seiner Augen.

 

Kaum lebensfähig

Als Gräfin Hiltrud von Altshausen am 18. Juli 1013 ihren Sohn Hermann gebar, konnte sie von solchen Hilfsmitteln nicht einmal träumen. Dass das Neugeborene einer der bedeutendsten Gelehrten des Mittelalters werden würde, sagte mit Sicherheit niemand voraus. Wir wissen heute nicht, an was Hermann erkrankte. Aber die Schilderung seines Schülers und Benediktinerbruders Berthold legt nahe, dass Hermann wie Hawking an „amyotropher Lateralsklerose“ litt: „Er war derart durch die Grausamkeit der Natur an den Gliedmaßen verrenkt, dass er sich von der Stelle, auf die man ihn niedersetzte, nicht ohne Hilfe wieder wegbewegen, noch sich auf die eine oder die andere Seite wenden konnte.“

Für ein Kind des Mittelalters das sichere Todesurteil. Aber Hermann war Sohn eines Grafen. Der gab ihn ins Kloster Reichenau. Die Benediktinerabtei dort war 724 gegründet worden. Hier lernte Hermann lesen und schreiben, er studierte die sieben freien Künste: Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Und die Studien fielen auf fruchtbaren Boden.

Hermann hat die Einteilung der Stunde in 60 Minuten und den Gebrauch des römischen Rechenbretts „Abacus“ aus der Antike quasi herübergerettet. Eine Bauanleitung für ein Astrolabium trägt seine Handschrift. Diese komplexe, drehbare Sternkarte aus Metall dient zur Bestimmung von Ort und Zeit anhand der Fixsterne. Er hat ein Buch über Harmonielehre verfasst und Kirchenmusik komponiert. Das „Salve Regina“ wird heute noch gesungen.

Vor allem hat „Hermann der Lahme“ eine Weltgeschichte geschrieben, von Christi Geburt bis zu seinem eigenen Todesjahr 1054. Er starb, wie es seiner Krankheit entsprach, unter heftigen Schmerzen. Dennoch soll er seinem Biografen Berthold zufolge nie geklagt haben.

724 gründete der Wanderbischof Pirmin das Kloster auf der „reichen Au“. Es wurde zu einem Zentrum der Gelehrsamkeit. Foto: Hilarmont
724 gründete der Wanderbischof Pirmin das Kloster auf der „reichen Au“. Es wurde zu einem Zentrum der Gelehrsamkeit. Foto: Hilarmont

Im Internet finden sich unter
www.hermann-der-lahme.de umfangreiche Informationen.

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