Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

,,Selbstverliebt“. . .

Vorarlberg / 15.10.2013 • 20:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

. . .ist kein Wort, das mir gefällt, und was es bedeutet, ist auch nicht sympathisch. Die Frau, von der ich erzählen möchte, kenne ich nur flüchtig, habe mit ihr wenige Worte gewechselt, kann also nicht ausschließen, dass ich ihr Unrecht tue. Das erste Mal saßen wir einander im Zug gegenüber, ich nahm an, dass sie zu ihrer Arbeit unterwegs war. Ein muskulöser Mann ging an uns vorbei und grüßte sie auffällig, indem er eine Augenbraue hochzog – sie nickte ihm zu. Ich stellte mir also vor, dass sie an der Rezeption eines Fitnessstudios arbeitet und acht Stunden am Tag von verschwitzten Körpern umgeben ist.

Die Frau war Anfang dreißig, zart, hielt ihre Arme am Oberkörper verschränkt, als umarme sie sich selbst. Sie will zeigen, wie zerbrechlich sie ist, dachte ich, lässt aber ihre harten Augen außer Acht. Gebe mir selber zu bedenken, dass dies auch von dem schwarzen Kajal kommen könnte. Ob ihr wohl viele Männer auf den Leim gehen, denke ich. Wie ich mir ausmale, verlangt sie, verwöhnt zu werden. Ich phantasierte mir einen Mann, der ihr einen Saphirring schenkt, der zu ihren aschblonden Haaren passt. Würde sich dann ihre Laune aufhellen? Sie schien nämlich, wann immer ich ihr begegnete, missgelaunt, lachte nie, wirkte, als öde sie alles an, dieses ganze öde Dasein.

Längere Zeit kam sie mir nicht mehr unter die Augen, und ich vermisste sie, weil ich ja meine Geschichte ohne sie nicht fortschreiben konnte. Als ich sie wieder traf, saß ich am anderen Ende des Waggons und hatte Mühe, sie über etliche Köpfe hinweg zu beobachten. Ein Mann redete auf sie ein, wieder ein muskulöser, aber nicht derselbe, den ich schon einmal gesehen hatte. Sie hielt ihren Kopf nahe an seiner Brust und trug ihr Haar offen, sah damit jünger aus.

Gern wäre ich zwei Bänke vorgerückt, um zu hören, was sie sprachen, verbot es mir aber. Er redete, wie es schien, auf sie ein, aber ihr war es nicht gleichgültig, sie wischte sich die Augen. Konnte nicht sehen, ob wegen Tränen, oder weil sie sich dachte, der Kajal hat sich verschmiert.

Sie stiegen gemeinsam aus, entfernten sich aber in verschiedene Richtungen. Plötzlich drehte sich die Frau um und rannte dem Mann nach. Er sah genervt aus und machte eine entsprechende Handbewegung, weg vom Körper, als wollte er sie gerade mit wegwischen. Sie klammerte sich an sein Kapuzenshirt. Er nahm grob ihre Hand weg, und sie fiel an ihren zarten Körper. Was war geschehen? Saphirring hatte ihr dieser Mann sicher keinen geschenkt. Ich sah der Frau nach, sie hatte den Kopf gesenkt, und ihre Beine wirkten ungeschickt. Ihr Gang war nicht gut. Ein Fuß zeigte nach innen, während der andere gerade ging. Nun tat sie mir leid.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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