Armenier fliehen vor größter Tragödie des Jahrhunderts

Vorarlberg / 16.10.2013 • 18:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Erzbischof von Armenien, Raphaël Minassian (r.) hat 50 Kriegsflüchtlinge bei sich aufgenommen. Daniel Zadra (M.) war vor Ort. Caritas
Der Erzbischof von Armenien, Raphaël Minassian (r.) hat 50 Kriegsflüchtlinge bei sich aufgenommen. Daniel Zadra (M.) war vor Ort. Caritas

Flucht vor dem Krieg in Syrien. Daniel Zadra, Caritas Auslandshilfe, reist nach Armenien.

Schwarzach. Neben dem Libanon, Jordanien und der Türkei verzeichnet nun auch Armenien einen täglich steigenden Ansturm von Flüchtlingen aus Syrien. Es sind bereits über 10.000 Menschen in Armenien angekommen und täglich werden es mehr. Den kleinen, verarmten Staat am Kaukasus mit nur drei Millionen Einwohnern stellt dies vor schier unlösbare Probleme. Die Flüchtlinge gehören der christlichen Minderheit in Syrien an und haben armenische Wurzeln. Sie sind Nachfahren der einstigen Flüchtlinge des Völkermords an den Armeniern und hatten im Assad-Regime ein gutes Auskommen. Als Minderheit wurden sie von den Machthabern, die ebenfalls einer Minderheit angehören, im Land besonders geschützt. Jetzt geht es für die rund 150.000 Armenier in Syrien nur noch ums Überleben. Über 80 Prozent der Mitglieder der armenischen Diaspora in Syrien leben in den Konfliktzentren rund um Aleppo. Den islamischen Extremisten sind die Christen ein Dorn im Auge – ihre Feinde. Sie werden zwischen den Fronten zerrieben und die Flucht ist der letzte Ausweg. Schon seit Monaten ist die Caritas Auslandshilfe Vorarlberg gemeinsam mit der lokalen Caritas-Partnerorganisation im Einsatz für die Flüchtlinge.

Barmherziger Bischof

Gegenüber Daniel Zadra vor Ort bringt der aus dem Libanon stammende Erzbischof von Armenien, Raphaël Minassian, die ganze Dramatik auf den Punkt: „Die ursprünglich aus Armenien stammenden Christen haben keinen Platz mehr in Syrien, egal wie der Konflikt ausgeht. Es gibt für sie keine Zukunft in diesem Land!“ Auch die Situation in Armenien ist düster. Die Arbeitslosigkeit ist extrem hoch, die Wirtschaftslage verheerend und auch die politische Situation alles anders als stabil. „Das nun ausgeweitete Projekt der Caritas unterstützt die syrischen Flüchtlinge in Armenien mit dem Nötigsten: Nahrung, notdürftige Unterkunft und bei Härtefällen mit psychologischer Betreuung. Jetzt steht der armenische Winter mit langen Kälteperioden mit minus 40 Grad Celsius vor der Tür. Darauf sind die Flüchtlinge nicht vorbereitet. Durch das Projekt der Caritas werden spontan über 100 syrische Familien mit dringend nötiger Winterausrüstung ausgestattet. Zusätzlich werden Notquartiere isoliert und bereitgestellt. Das gesamte Projekt wird in Abstimmung mit den lokalen Behörden und internationalen Organisationen abgewickelt. Dadurch wird höchstmögliche Effizienz ermöglicht und Missbrauch vorgebeugt“, erklärt Daniel Zadra. „Auch der Bischof hat sofort 50 Flüchtlinge bei sich aufgenommen, im Innenhof einen Gemüsegarten angelegt, um die Menschen zu ernähren“, so Zadra. Doch was romantisch anmutet, ist in Wirklichkeit ein Akt der Verzweiflung.

Ein Einzelschicksal

Unter den Schutzsuchenden befinden sich auch die aus Aleppo stammenden Brüder Eli (20) und Joseph (17). Joseph lebte vor seiner Flucht mit seinem jüngeren Bruder Gabriel in einem Waisenhaus der armenischen Gemeinde. Der Krieg zwang sie zur Flucht. Ihr kleiner Bruder konnte nicht mit auf die gefährliche Reise über den Irak und den Iran nach Armenien. „Wir wissen, dass neben dem Waisenhaus eine Granate einschlug, wir haben keinen Kontakt mehr zu unserem kleinen Bruder und sind verzweifelt“, so Eli, der älteste der drei Brüder. „Was ich von der Welt fordere, ist, dass diese Menschen eine Chance auf Leben bekommen, eine Heimat auf dieser Welt, dies ist ein Menschenrecht. In Armenien gibt es keine Zukunft für sie, keine Arbeit, nichts. Und auch nach Syrien werden sie nie mehr zurückkehren können“, so Erzbischof Minassian. Daniel Zadra macht sich erneut auf den Weg nach Armenien und wird von der Situation und vom Hilfsprojekt berichten.

Eli und Joseph flohen und mussten ihren Bruder zurücklassen.
Eli und Joseph flohen und mussten ihren Bruder zurücklassen.

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