Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Klavierstunden ganz sicher nicht

23.10.2013 • 19:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

So macht man das.

Man sagt dem Kind: Nein, Klavier lernen tust du nicht.

Das Kind protestiert: Wieso nicht??

Man erinnert das Kind an die schrecklichen Stunden, in denen es Flöte üben musste.

Das Kind sagt, es könne nichts dafür, dass seine Mutter ständig die Nerven weggeschmissen habe.

Die Mutter widerspricht, das könne es wohl, muss sich aber im Stillen eingestehen, dass diese Flöten-Nachmittage eng mit der Erkenntnis verknüpft sind, dass man der Welt und allen wissbegierigen Kindern darin einen Gefallen getan hat, als man sich entschied, keine pädagogische Laufbahn einzuschlagen.

Das Kind erhebt Einspruch: Da sei es noch klein gewesen, fünf erst, oder sechs.

Man zeigt mit dem Zeigefinger auf die schöne Dreiviertel-Klassik-Gitarre, Neupreis 178,50 Euro, die in der Ecke Staub angesetzt hat.

Das Kind sagt, dass es bitte nichts dafür könne, dass der Gitarrelehrer dann beschlossen habe, nach Brasilien auszuwandern.

Man sagt dem Kind, dass es da einmal nicht so sicher sein solle.

Das Kind findet das urungerecht, an allem sei es schuld, an ALLEM!

Man erinnert das Kind an den Abend, an dem man einmal auf einer Party war und mit fremden Leuten geplaudert hat, und einer von den Fremden hat mit besagtem Gitarrelehrer in einer Band gespielt, und da hat der von den Gitarrestunden mit dem Kind erzählt, und es fielen die Worte „sowas“ „nie“ und „erlebt“ sowie „traumatisiert“ und „auswandern“.

Das Kind bringt genervt zur Kenntnis, dass es diese Geschichte schon nicht geglaubt habe, als es sie zum ersten Mal gehört habe.

Man besteht darauf, dass sie aber dennoch wahr sei.

Das Kind sagt, auch dann könne es nicht wirklich etwas dafür, denn es habe schließlich nie Gitarre lernen wollen, sondern immer, immer nur Klavier.

Man müsste zugeben, dass das stimmt, tut es aber nicht und führt stattdessen das Beispiel von der Mitschülerin aus der Volksschule ins Feld, die so gut wie nie zum Spielen hinaus konnte, weil sie immer nur Klavier üben musste, wobei einem einfällt, dass man dem Kind noch nicht erzählt hat, wie man kürzlich die Mutter von dem Wunderkind getroffen hat, und wie diese Mutter erzählt, dass sie den Familiennamen von dem Kind ändern ließ, auf Sky, da Himmelfreundpointner doch zu karrierefeindlich sei.

Das Kind gähnt, das habe man sogar schon zweimal erzählt, nein, dreimal.

Man gibt schließlich nach: Nachdem das Kind auf dem Keyboard, das es sich zu Weihnachten gewünscht hatte, tatsächlich tagtäglich spielte, und zwar kleine Etüden, die es sich von Freunden beibringen hat lassen, deren Eltern ihnen eine musikalische Laufbahn nicht rücksichtslos zertrampeln. Nach viel Bitten und Betteln steht jetzt ein weißes Leih-Pianino im Wohnzimmer. Und es hat noch keinen Staub angesetzt.

So macht man das nämlich.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.