Schule und Auto hatten plötzlich frei

Vorarlberg / 24.10.2013 • 17:39 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Mit Kanistern zur Tankstelle: Die Ölkrise Ende 1973 hat an den Zapfsäulen teils zu Hamsterkäufen geführt. Fotos: APA, Arichv
Mit Kanistern zur Tankstelle: Die Ölkrise Ende 1973 hat an den Zapfsäulen teils zu Hamsterkäufen geführt. Fotos: APA, Arichv

Oktober 1973: Die OPEC-Staaten beginnen den Ölhahn zuzudrehen – Ölkrise folgt.

Bregenz. „Erster Schlag: Rohöl um 17 Prozent teurer“ – der VN-Bericht vom 18. Oktober 1973 ließ nichts Gutes erahnen. Tags zuvor waren die Erdölminister der OPEC-Länder zusammengekommen, um über Maßnahmen im Nahostkonflikt zu beraten. Der israelisch-arabische Jom-Kippur-Krieg sollte die Welt in die Ölkrise stürzen. Die OPEC-Länder drehten nach und nach den Ölhahn zu. Mit drastischen Folgen: Die Versorgung wurde knapp, Benzin- und Heizölpreise ­explodierten.

Es waren Wochen und Monate, die für viele noch in guter Erinnerung sind. So auch für Gottfried Feurstein, heute Seniorenbund-Obmann und VN-Ombudsmann. „Es kam zu massiven Preiserhöhungen.“ Eine Tankfüllung habe von einem Tag auf den nächsten statt 100 Schilling plötzlich 160 Schilling gekostet.

Sonntagsfahrverbot

Die Politik war zum Handeln gezwungen. In vielen Ländern Europas wurden Straßen für den Verkehr gesperrt. Deutschland führte als Reaktion auf die Krise ein Sonntagsfahrverbot ein, dem sich das Kleinwalsertal anschloss. Fußgänger bevölkerten erstmals am 25. November 1973 die deutschen Autobahnen. Drei weitere verkehrsfreie Sonntage sollten folgen. Eine Maßnahme, die auch in der Schweiz eingeführt wurde. In Österreich schloss der damalige Handelsminister Josef Staribacher ein Sonntagsfahrverbot aus.

Stattdessen wurde ein Tempolimit eingeführt. Die VN berichteten damals österreichweit exklusiv. „Ab kommendem Wochenende wird unbefristet auf allen Asphaltstraßen in Österreich ein Tempolimit von 100 Stundenkilometern eingeführt, das an Wochen-, Sonn- und Feiertagen gilt“, schrieb die Zeitung damals. Als weitere Maßnahme sollte in allen Amtsräumen des Bundes die Temperatur auf 20 Grad Celsius gedrosselt werden, beschloss der Ministerrat.

Autos sind in Vorarlberg in dieser Zeit noch immer gefahren, wenn auch deutlich weniger. Viele haben Fahrgemeinschaften gebildet. Vereinzelt ist es auch zu Hamsterkäufen an den Zapfsäulen gekommen.

Autofreier Tag in Österreich

Mit dem Jahreswechsel 1973/1974 kamen erste Meldungen über mögliche Einschränkungen im Pkw-Verkehr auf. 14 Tage später war es dann so weit. Josef Staribacher, der später den Übernamen „Pickerl-Peppi“ erhielt, hat den autofreien Tag angekündigt. Einmal in der Woche ohne Auto – jeder österreichische Autofahrer konnte sich einen Wunschtag aussuchen. „Eine weiße Papierplakette“, erinnert sich Gottfried Feurstein. Mit den jeweils ersten zwei Buchstaben des Tages. Er habe sich für SO entschieden. „Weil ich am Sonntag das Auto nicht für die Fahrt zur Arbeit gebraucht habe“, so der damalige Statistikchef der Landesregierung. Benzin­vorräte habe er sich keine angelegt. „Meine Mutter hat allerdings unverderbliche Lebensmittel auf Vorrat gekauft.“ Das seien eben die Erfahrungen aus dem Krieg gewesen.

Hohe Strafandrohung

Die VN hatten im Jänner 1974 ausführlich über die neue Plakette berichtet. Auch da­rüber, dass es S-Plaketten gibt. Sondergenehmigungen, die für eine bestimmte Zeitspanne auch am autofreien Tag gültig waren. „Wer am autolosen Tag beim Fahren ertappt wird, muss mit Strafen zwischen 500 und 30.000 Schilling rechnen“, informierten die VN. Toleranz gebe es nur, wenn es sich um einen Notfall handle.

Energieferien zum Stromsparen

Mit der Ölkrise hatten nicht nur die Autos frei. Im Februar 1974 blieben erstmals auch die Türen der Schulen in Österreich für eine Woche geschlossen. Um Heizkosten zu sparen, wurden damals die Energieferien eingeführt, die auch nach dem Ende des Ölschocks geblieben sind – jetzt haben sie als Semesterferien ihren Platz im Ferienkalender gefunden.

Die Ölkrise hatte auch Spätfolgen. Sechs Jahre nach ihrem Beginn wurde die Sommerzeit eingeführt, die es ja bis heute gibt.

Ich hatte mich für den Sonntag entschieden, weil ich da das Auto nicht zum Arbeiten gebraucht habe.

Gottfried Feurstein
Auch so konnte man Sprit sparen: Zwei Pferde sorgen für den Antrieb.
Auch so konnte man Sprit sparen: Zwei Pferde sorgen für den Antrieb.
Ich war erst dreizehn Jahre alt, aber ich kann mich noch gut daran erinnern – vor allem an die autofreien Tage, die einen sehr beeinträchtigt haben. Es wurden damals viele Fahrgemeinschaften gebildet. Kurt Schönberger, Kennelbach
Ich war erst dreizehn Jahre alt, aber ich kann mich noch gut daran erinnern – vor allem an die autofreien Tage, die einen sehr beeinträchtigt haben. Es wurden damals viele Fahrgemeinschaften gebildet.
Kurt Schönberger, Kennelbach
Öl und Benzin sind plötzlich sehr teuer geworden, vor allem im Verhältnis zum damaligen Einkommen. Ich habe auch mitbekommen, dass einige das Heizöl in Kanistern gesammelt haben. Friedl Längle, Dornbirn
Öl und Benzin sind plötzlich sehr teuer geworden, vor allem im Verhältnis zum damaligen Einkommen. Ich habe auch mitbekommen, dass einige das Heizöl in Kanistern gesammelt haben.
Friedl Längle, Dornbirn
In Deutschland wurde ein Sonntagsfahrverbot eingeführt.
In Deutschland wurde ein Sonntagsfahrverbot eingeführt.
VN vom 21. November 1973: Tempolimit wird eingeführt.
VN vom 21. November 1973: Tempolimit wird eingeführt.
An die autofreien Tage erinnere ich mich noch gut. Sie waren ein Problem, vor allem, wenn man eine Familie hatte und am Wochenende zum Beispiel gerne einen spontanen Ausflug gemacht hätte.  Reinhard Seidel, Hard
An die autofreien Tage erinnere ich mich noch gut. Sie waren ein Problem, vor allem, wenn man eine Familie hatte und am Wochenende zum Beispiel gerne einen spontanen Ausflug gemacht hätte.
Reinhard Seidel, Hard
Wir ließen unser Auto damals stehen und gründeten Fahrgemeinschaften. Für mich persönlich war die Situation nicht ganz so schlimm wie für andere. Ich fand sie, grob gesagt, einfach etwas lästig.   Peter Maly, Hörbranz
Wir ließen unser Auto damals stehen und gründeten Fahrgemeinschaften. Für mich persönlich war die Situation nicht ganz so schlimm wie für andere. Ich fand sie, grob gesagt, einfach etwas lästig.
Peter Maly, Hörbranz
VN vom 14. Jänner 1974: Beginn der autofreien Tage in Österreich.
VN vom 14. Jänner 1974: Beginn der autofreien Tage in Österreich.
Ich hatte damals kein Auto, daher war ich nicht in dem Maße betroffen. Aber ich finde es erschreckend, wie gedankenlos die Leute, damals wie heute, mit den natürlichen Ressourcen umgehen.   Anna-Maria Rudigier, Hard
Ich hatte damals kein Auto, daher war ich nicht in dem Maße betroffen. Aber ich finde es erschreckend, wie gedankenlos die Leute, damals wie heute, mit den natürlichen Ressourcen umgehen.
Anna-Maria Rudigier, Hard
Ich studierte zu dieser Zeit in Genf und verfolgte die Krise hauptsächlich in den Medien. Im Fernsehen sah ich, wie Menschen auf den leeren Autobahnen zu Fuß umherliefen und Fahrrad fuhren.   Jürgen Rose, Bregenz
Ich studierte zu dieser Zeit in Genf und verfolgte die Krise hauptsächlich in den Medien. Im Fernsehen sah ich, wie Menschen auf den leeren Autobahnen zu Fuß umherliefen und Fahrrad fuhren.
Jürgen Rose, Bregenz
VN vom 18. Oktober 1973: Opec beginnt, den Ölhahn zuzudrehen.
VN vom 18. Oktober 1973: Opec beginnt, den Ölhahn zuzudrehen.