„Und es gibt sie doch, die Alternativen“

Vorarlberg / 27.10.2013 • 17:52 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
„Wir müssen wieder lernen, zutiefst Mensch zu sein, uns auf Veränderungsprozesse einzulassen. Das macht Angst und braucht Mut.“ Christian Hörl und Marielle Manahl mit VN-CR Verena Daum-Kuzmanovic. Foto: VN/toh
„Wir müssen wieder lernen, zutiefst Mensch zu sein, uns auf Veränderungsprozesse einzulassen. Das macht Angst und braucht Mut.“ Christian Hörl und Marielle Manahl mit VN-CR Verena Daum-Kuzmanovic. Foto: VN/toh

Die „Projekte der Hoffnung“ sind Projekte des Wandels zum Besseren durch Vernunft.

Schwarzach. Träger des ­Alternativen Nobelpreises geben im November in Vorarlberg Antworten auf die anstehenden wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Fragen, die aus dem herrschenden System resultieren. Entfesselte Finanzmärkte ließen eine gigantische Spekulationsblase entstehen. Diese verursacht einen ungeheuren wirtschaftlichen Wachstumszwang. Für die Entwicklung, die vergleichbar ist mit dem „Turmbau zu Babel“, gab es für Margaret Thatcher „no alternative“. Referent und Key Speaker Jens Löwe wird am 7. November mit seinem Vortrag „Lebensgrundlage Wasser – transnationale Konzerne auf Beutezug“ die Veranstaltungsreihe eröffnen und die wirtschaftliche Ausbeutung unserer Lebensressourcen und Lebensgrundlagen erläutern. „Wir sind alle verbunden im Netz des Lebens. Die aktuelle Umwelt-, Wirtschafts- und Finanzsituation macht deutlich, wie überlebensnotwendig es ist, dass wir uns sofort alternativen Lösungswegen zuwenden“, so die Initiatoren Marielle Manahl und Christian Hörl. Die VN-Gäste antworten auf drei brennende Fragen.

Zehn Großkonzerne kontrollieren die Welternährung. Wie kommen wir zurück zu regionaler Wertschöpfung, zu unabhängiger Ernährungssicherung aus eigener Kraft, zu gesunden Nahrungsmitteln? Welche Alternativen haben wir?

Manahl: Kürzlich habe ich einen Beitrag gesehen, der besagte, dass in England die Menschen nie gesünder waren als in der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als sie in der Not jede noch so kleine Fläche bewirtschafteten – und so mit dem zum Leben Nötigen nicht nur überlebten, sondern auch gesund lebten. Heute ist der maßlos übertriebene Fleischkonsum zu Billigpreisen eine Katastrophe. Wir sollten uns bewusst machen, wie viel Wasser, wie viel Anbaufläche, wie viel Futtermittel für die Erzeugung von nur einem Kilogramm Fleisch notwendig sind und welche Grausamkeit die industrielle Massentierhaltung darstellt. Wir müssen uns fragen: Was tun wir eigentlich? Sind wir dem Konsumwahn verfallen? Brauchen wir jeden Tag Fleisch? Und im Land: Was würden wir tun, wenn wir uns plötzlich selber versorgen müssten? Könnten wir’s?

Hörl: Schon damals im Kommunismus ist die industrielle Landwirtschaft gescheitert und die Menschen hatten die besseren Erträge in ihren privaten Gärten. Alternativen zur industriellen Abhängigkeit sind etwa Gemeinschaftsgärten, die „essbare Stadt“ oder „urban farming“. Das sind Modelle, die da und dort schon funktionieren. Man kooperiert, besinnt sich auf saisonale und regionale Produkte und lebt Sehnsüchte statt Süchte, wenn man sich zum Beispiel jedes Jahr auf den Süßmost und Maroni freut. Eine große Hoffnung sind die jungen Leute, die wieder Bienenvölker kultivieren. In China sind Bienen weitgehend ausgerottet und Menschen bestäuben händisch Bäume.

Es gibt in Vorarlberg Bemühungen zur Energiewende durch Erneuerbare und zur Erreichung der Energieautonomie bis 2050 – allerdings sind wir noch weit entfernt. In Deutschland und Europa noch viel weiter, solange Energiekommissare die Interessen der großen Energiekonzerne vertreten und auf fossile Brennstoffe, Kohle, Fracking und Atomkraft setzen. Welche Möglichkeiten gibt es, abgesehen davon, dass Erneuerbare durch Anreize gefördert gehören und in entsprechende Technologien und Infrastruktur investiert werden muss?

Manahl: Wir sollten uns in Vorarlberg nichts vormachen, unser Strom kommt aus der Steckdose – auch aus Deutschland, aus Kohle- und Atomkraft. Beginnen müssen wir damit, unseren Verbrauch zu reduzieren, mit Ressourcen hauszuhalten. Brauchen wir permanent im ganzen Haus Christbaumbeleuchtung, in der Nacht taghelle Straßenbeleuchtung? Wir haben verlernt, uns auf Prozesse einzulassen. Wir sind gefordert, zutiefst Mensch zu sein – das macht Angst. Es macht Angst, die vermeintlich sichere Gewohnheit zu verlassen. Und es braucht Mut, es zu tun.

Hörl: Erneuerbare können den Verbrauchsanstieg nicht schaffen, daher müssen wir diesen zurückfahren, weiters regionale Möglichkeiten nützen, etwa uns an der Ökostrombörse beteiligen. Die Wende bedeutet eine andere Form, sich zu begegnen, zu kommunizieren, zu kooperieren, die Fähigkeit zu entwickeln, sich unterstützen zu lassen. Ich bin sehr gut in ein paar Dingen, in anderen durchschnittlich, vieles kann ich gar nicht. Darin sind aber wieder andere gut. Wir brauchen einander. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Auf Kooperation setzen.

Eine gigantische Spekulationsblase steht einer im Verhältnis inzwischen verschwindend geringen produktiven Realwirtschaft gegenüber, die den systemischen, sich potenzierenden Wachstumszwang weiterhin in der Form niemals stemmen kann – was inzwischen jedem vernünftigen Menschen klar ist. Wie sehen hier alternative Wege aus?

Manahl: Unser Misstrauen ist groß, dennoch handeln wir, als ob sich am Vertrauen ins System nichts geändert hätte. Wir ändern nichts. Wir verhalten uns wie immer – wie wir programmiert wurden. Beim Ausfüllen des Fragebogens zur „Demokratischen Bank“ musste ich mir selbst die Fragen stellen: Bin ich bereit, mein Erspartes, mein Kapital anzulegen? Bin ich bereit, auch den möglichen Verlust dieses Kapitals in Kauf zu nehmen? Es geht um Eigenverantwortung im Prozess des Wandels. Selbst fürs eingegangene Risiko geradezustehen. Ungerechtigkeit nicht zu tolerieren, wenn Menschenrechte und die Umwelt mit Füßen getreten werden. Initiativ zu werden. Grundeinkommen zu fordern. Meinen Beitrag zu leisten.

Hörl: Die Spekulation ist eskaliert. Das Vertrauen ist weg. Wie können Banken das Vertrauen wieder herstellen? Etwa den Genossenschaftsgedanken von Raiffeisen wieder aufgreifen. Finanzprodukte, die für nichts stehen und hinter denen niemand steht, müssen weg. Die Wetten gehören abgeschafft. Wir müssen zurückkehren zu realen Werten und zu den Menschen. Die Politik muss eingreifen. Widerstandsarbeit gehört ausgeweitet. Es muss heißen: Occupy Wall Street mitsamt dem White House und vor allem mit dem Desaster Tea Party.