Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Zruck sJäckle hola

Vorarlberg / 29.10.2013 • 21:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ein Pfleger von den „Beschützenden Werkstätten“ spazierte mit zwei Schützlingen auf einer Nebenstraße. Der eine war ein alter Mann, er hatte einen stattlichen Pferdekopf und summte. Es klang teilweise wie „Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein Fuß“. Der zweite Schützling war eine Frau. Sie trug eine Mantelschürze, ihre grauen Haare waren zu Zöpfen geflochten, in der Hand wiegte sie eine Gummipuppe.

Der Pfleger:

„Isch dinem Boppele net kalt?“

Tatsächlich war es frostig, ein frostiger Herbsttag, die Sonne würde irgendwann nach dem Mittagessen über die Stadt fegen. Das hoffte ich. Zum Glück hatte ich Handschuhe angezogen, weil ich gleich so an den Händen friere. Ich stieg vom Fahrrad und schob es, grüßte die kleine Gruppe. Deshalb war ich vom Fahrrad gestiegen, weil ich noch ein bisschen zuhören wollte. So schöne Geschichten nämlich kann ich mir gar nicht ausdenken.

„Isch dinem Boppele net kalt?“

Die Frau mit den Zöpfen verzog ihr Gesicht und griff sich mit der einen Hand ans Herz, die andere Hand klammerte sich an einen Arm der Gummipuppe. Sie drehte sich um und ging zurück. Der Pfleger hielt sie auf.

„Komm, wir gehen weiter, und wenn wir dann zurück sind, dampft es auf dem Tisch vom feinen Essen. Wo willst du denn hin?“

„Zruck sJäckle hola.“

Ich setzte mich wieder aufs Rad und fuhr nach Hause.

Schon einige Male habe ich von Leuten aus den „Beschützenden Werkstätten“ Besonderheiten erlebt. Dachte dann: Das ist die richtige Bezeichnung für so eine Einrichtung. Es gibt einen sehr alten Mann, der vielleicht gar nicht so alt ist, weil manchmal sieht er auch jünger aus, wahrscheinlich wenn er einen guten Tag hat. An so einem Tag hat er mir schon nachgerufen, ob ich mit ihm auf den Spielplatz gehe. Wenn ich mutiger wäre, würde ich ihn begleiten. Ich hätte Sorge, dass ich mich falsch verhalte. Wenn ich so täte, als wäre ich ein Kind und würde mit ihm spielen, das wäre nicht recht. Oder wenn ich versuchte, mich wie der mitfühlende Pfleger zu verhalten. Ich bin eben nur ein Radfahrer.

Zwei Buben in Judoanzügen kamen aus dem Kindergarten. Der Gürtel ihrer Kampfjacken hatte sich gelöst, weil der Stoff rutschig ist. Da hält ein Knoten schlecht. Sie sahen aus wie Pandabären. Ich stellte mir vor, wie sie sich vor dem Kampf gegenüberstehen, sich verbeugen, um dann mit ihren runden Händen Angriffe zu starten, sich verteidigen, aber sanft, nachgiebig. Maximale Wirkung bei einem Minimum von Aufwand. Siegen durch Nachgeben. Ich schiebe mein Rad in die Garage, in der nur Gartengeräte stehen, ein voller Kartoffelsack als Vorrat für die Wintermonate liegt, und im Eck sehe ich einen toten Vogel. Hatte mir schon am Morgen gedacht: Hier riecht es verwest.

monika.helfer@vorarlbergernachrichten.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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