Gott, ein Liebhaber des Lebens

Vorarlberg / 30.10.2013 • 18:44 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Fotolia
Fotolia

Betrachtung zum Fest Allerheiligen/Aller­seelen.

Der Anblick der fallenden Blätter, der teilweise entlaubten Bäume und des grauen Himmels, der Anblick der Gräber auf den Friedhöfen ist die rechte Einstimmung auf Allerheiligen/Allerseelen und den Allerseelenmonat. Die sterbende Natur lässt in uns die Frage nach dem Danach des irdischen Lebens aufkommen. Keiner kann sich dieser Frage entziehen, weder ein junger Mensch noch ein älterer, auch wenn wir gerne diese entscheidende Frage verdrängen wollen. Auf die Frage, was geschieht nach dem Tod, gibt es zwei Antwortmöglichkeiten: Die eine gibt sich mit dem Diesseits zufrieden und überschreitet nicht die Todesgrenze.

In den Kindern lebt der Mensch weiter

Im alten Israel lebte der Tote in seinen Nachkommen weiter. In den Kindern und Kindeskindern lebt man weiter. Weh dem, der kinderlos starb, er war vom Leben ausgeschlossen. In der Neuzeit, in welcher der Wille zum Kind sich immer mehr abschwächt und immer mehr Menschen kinderlos sterben, erhofft man sich ein Weiterleben nach dem Tod dadurch, dass andere sich unser erinnern. Der Philosoph Jürgen Mittelstraß ist der Meinung: „Mir genügt die Erwartung, dass uns unsere Kinder und diejenigen, die sich für unsere Arbeit interessieren sollen, schon hinreichend viel ‚Unsterblichkeit‘ verschaffen werden.“

„Wir werden dich nicht
vergessen“

Öfters kann man in Todesanzeigen lesen: Wir werden dich nicht vergessen, du lebst in unserer Erinnerung weiter. Aber was geschieht, wenn der Letzte gestorben ist, der noch eine Erinnerung an den Toten bewahrt hat? Dann ist der Verstorbene endgültig tot. Viele sind schon zu Lebzeiten tot, weil keiner sich um sie kümmert, weil sie einsam und verlassen ihren Lebensabend verbringen müssen. Manche sind schon zu Lebzeiten den Tod der Beziehungslosigkeit gestorben. All diesen Menschen ist gemeinsam, dass sie ihr Weiterleben auf Erden Menschen verdanken, die darüber entscheiden, ob einer vergessen ist oder noch fortlebt.

Ein Gott der Lebenden

Ganz anders ist das mit dem Menschen, der seine Hoffnung auf Gott setzt, der ein Gott der Lebenden und nicht ein Gott der Toten ist, der sich als Freund des Lebens zu erkennen gegeben hat. Er hat die Macht, die Todesgrenze zu überschreiten, er hat in Jesus Christus den Tod entmachtet. Der Dichter Rainer Maria Rilke schrieb: „Wir alle fallen, diese Hand da fällt, doch einer ist, der all dies Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.“ Jesus Christus hat den entscheidenden Schritt vom Tod ins Leben durch seine Auferstehung vollzogen. Er ist uns vorausgegangen auf dem Weg zum Vater. Er ruft uns zu: Ich lebe und auch ihr sollt leben (Joh 14,19). Die Liebe erweist sich stärker als der Tod. Sie sagt zum Geliebten: Du sollst nicht sterben. Unser Leben vollendet sich in der Herrlichkeit des Vaters, wo wir für immer Heimatrecht erhalten.

Die Opfer von Ungerechtigkeit und Gewalt

Unsere Hoffnung über den Tod hinaus gilt nicht nur der eigenen Person, sie schließt auch die anderen Menschen ein. Sie schließt besonders auch jene ein, die Opfer von Ungerechtigkeit und Gewalt geworden sind. Denken wir nur an die 6 Mill. Juden, die von den Nazis als lebensunwertes Leben umgebracht worden sind. Und an die 100 Mill. Menschen, die Opfer des Kommunismus wurden. Auch Menschen, die nicht an Gott glauben können oder seine Erkennbarkeit leugnen, verlangen für diese Menschen eine ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits. Und das kann nur bei Gott sein, der Menschen aufrichten und die verletzte Rechtsordnung wieder herstellen kann.

„Wenn ich kommen werde, wirst du mich einlassen?“

Es gibt ein ergreifendes Zeugnis von der unbesiegbaren Hoffnung im Tod. Es stammt von einem russischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Er war im staatlich verordneten Atheismus aufgewachsen. Aber beim Anblick des nächtlichen Sternenhimmels ging ihm wie eine Erleuchtung die Gewissheit auf, dass Gott existiert. Vor der Schlacht, bei der er sein Leben verlor, hat er ein Gebet aufgeschrieben, das man später in seiner Jackentasche fand.

Die letzten Zeilen lauten: „Ich will dir noch sagen, dass die Schlacht hart sein wird. Es kann sein, dass ich noch diese Nacht an deine Tür klopfen werde. Und auch wenn ich bis jetzt nicht dein Freund war. Wenn ich kommen werde, wirst du mich einlassen? Ich grüße dich, Gott, ich gehe und werde wohl kaum zurückkommen. Komisch, jetzt macht mir der Tod keine Angst mehr.“ Liegt hier nicht der Mehrwert des christlichen Glaubens und der Hoffnung nach einem Leben nach dem Tod? Damit wird die kreatürliche Angst vor dem Sterben uns zwar nicht genommen, aber der Tod letztlich entmachtet und überwunden durch den, der Macht über Leben und Tod hat.

Dr. Herbert Spieler, Dekan, Frastanz
Dr. Herbert Spieler, Dekan,
Frastanz

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.