„Lass sie vorbeiziehen“

Vorarlberg / 30.10.2013 • 18:27 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Herbert Hämmerle vor der Gedenkstätte für seinen Sohn. Daniel starb nach einem Unfall. Fotos: VN/paulitsch
Herbert Hämmerle vor der Gedenkstätte für seinen Sohn. Daniel starb nach einem Unfall. Fotos: VN/paulitsch

Sohn und Frau in einem Sommer verloren. Wie Herbert Hämmerle die Trauer finden musste.

Lustenau. „Klammere dich nicht an die Wolke, sonst bist du immer im Schatten. Lass sie vorbeiziehen, damit du wieder die Sonne sehen kannst.“ Eine Metapher wie diese ist schnell zitiert. Doch Herbert Hämmerle (60) sagt diese Worte nicht bloß, er hat sie gelitten und gelebt. Da steht er, an der Ecke Dammstraße/Blumenaustraße in Lustenau, eine Hand gestützt auf den großen Stein, den Blick gerichtet auf das schmiedeeiserne Herz mit dem Kreuz in der Mitte und der Eisentafel am Fuß. „DANI“ steht dort in großen Lettern drauf. Daneben das Bild eines fröhlichen Jungen mit Baseballmütze. „DANI“ war der Sohn von Herbert Hämmerle. Vor zwei Jahren, am 7. Juli 2011, starb Daniel Hämmerle an dieser Stelle. Eine Autolenkerin, die von der Blumenaustraße in die Dammstraße einbiegen wollte und zu weit vorfuhr, mähte den ordnungsgemäß mit seinem Moped fahrenden Bub um. Daniel erlitt eine Hirnblutung – er hatte keine Chance. Sein junges Leben erlosch mit knapp 16, noch bevor es richtig Fahrt aufnehmen konnte.

Zu viel zum Trauern

„Als Dani tot im Krankenhausbett lag, sah er aus, als würde er noch leben. Es fehlt ihm doch nichts, wollte ich glauben. Man sah ihm gar nichts an.“ Herbert Hämmerle lächelt. Ruhig und voller Stolz erzählt er von seinem Dani. „Alle mochten ihn. Zwei Wochen später hätte er seine Bäckerlehre beginnen sollen. Er war mit einem Kumpel auf dem Rückweg zu einer Party. Sie hatten Pizzas geholt …“ Es war 18 Uhr. Wenig später kam die Polizei zu ihm und seiner Frau in die Hofsteigstraße 8. „Dein Sohn ist schwerst verletzt.“ Bald folgte die schreckliche Gewissheit. Zu viel zum Trauern für Herbert Hämmerle. „Ich habe nach Danis Tod nüchtern und rational reagiert – ein reiner Schutzmechanismus, wie mir ein Psychiater später erklärte.“ So gab Hämmerle sofort die Organe seines Sohnes frei. „Dani konnte damit fünf Menschenleben retten.“ Er habe auch sonst ungewöhnlich ruhig und sachlich gehandelt, erzählt der Vater.

Dann ging Theresia

Der gewöhnlich lustige ehemalige Bläser der Lustenauer Schalmeien braucht diesen Panzer. Denn das Schicksal folterte ihn weiter. Seine Frau Theresia hatte Brustkrebs. Sie schien auf dem Weg der Besserung. Am Montag nach Daniels Tod hätte sie eine Bestrahlungstherapie beginnen sollen. Dazu fehlte ihr danach der Lebensmut. Gut einen Monat später war der Tod bei ihr. Theresia Hämmerle ergab sich im Kampf gegen den Krebs. „Sie wollte nicht mehr. ‚Ich gehe jetzt dahin, wo Dani ist‘, sagte sie noch.“

Der Zusammenbruch

Und weil der vom Schicksal so geprügelte Mann wieder gefasst und rational reagierte, kam ihm das nach einer gewissen Zeit unheimlich vor. Wo war die Trauer? „Sie kommt, wenn dein Notaggregat ausschaltet“, sagte ihm der Psychiater. „Sieh dich vor.“ Und sie kam. Plötzlich brach Herbert Hämmerle völlig zusammen. Die Trauer eruptierte wie ein Vulkan. Er brauchte intensive Zuwendung. „Gott sei Dank habe ich viele gute Menschen in meinem Umfeld.“ Er gab seine Wohnung im vierten Stock des Hauses in der Hofsteigstraße auf. Von dort aus hatte er freie Sicht auf das Grab seiner Liebsten am Friedhof. „Das ertrug ich nicht mehr.“

Allein auf dem Friedhof

Und jetzt ist wieder Allerheiligen. Wie begeht das ein gläubiger Katholik wie Herbert Hämmerle? „Ich werde zu Allerheiligen in der Früh aufs Grab von Theresia und Dani gehen. Dann, wenn der Friedhof noch leer ist. Allerheiligen hat für mich eine Bedeutung, aber nicht als Massenveranstaltung.“ Zum Grab und zur Gedenkstätte geht Herbert Hämmerle fast täglich. Unter Kontrolle haben möchte er nur seine Begegnung mit Menschen. „Manchmal bin ich gerne in Gesellschaft. Manchmal möchte ich allein sein. Das sage ich dann auch, wenn es erforderlich ist.“ Herbert Hämmerle hat die Trauer in seinem Leben längst zugelassen. Die Wolke kommt in regelmäßigen Abständen und wirft dunkle Schatten auf sein Gemüt. „Aber ich klammere mich nicht an ihr fest. Ich weiß, dass sie irgendwann vorbeizieht. Und dann kommt auch wieder die Sonne.“

Das Grab bei der Erlöserkirche: Theresia und Dani sind vereint.
Das Grab bei der Erlöserkirche: Theresia und Dani sind vereint.

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