Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Davon kriege ich leider Bauchweh

20.11.2013 • 19:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Oft geschieht es ausgerechnet im Ausland, dass im Menschen seine Ursprünge zu wirken kommen. Familäre Disponiertheiten, Erbschaften der Ahnen, die, wie Schläfer, ganz hinten in ihrem Kämmerchen still vor sich hin schnarchten. Und jetzt wachen sie auf, regen sich, machen sich bemerkbar, und dann stellt sich genau in Berlin Kreuzberg heraus, wie sehr das Kind doch das Enkerl seiner guten Großeltern aus dem Ländle ist.

Man hatte die Kinder mit nach Berlin genommen, nachdem diese sich wiederholt und bitter über den Umstand beschwert hatten, dass sie, als einzige Kinder in der Klasse und im Freundeskreis, noch niemals in einem Flugzeug geflogen seien, noch nie!

Stimmt ja gar nicht, ihr seid sehr wohl geflogen, einmal, da wart ihr ein Jahr alt, und einmal, da wart ihr zwei.

Es gilt nicht, wenn wir uns nicht erinnern können!

Das gilt sehr wohl, weil ich kann mich sehr gut erinnern, und ich tue es nicht allzu gern.

Du bist gemein.

Ja, aber ich kann damit unheimlich gut leben.

Trotzdem erbarmt man sich und nimmt den Nachwuchs mit nach Berlin, und der Nachwuchs findet das Fliegen etwas gruselig, aber toll, das Hotel toll, die East-Side-Gallery toll, und dann kriegt er Hunger. Also rein nach Kreuzberg, wo sich ein nettes kleines Lokal ans andere reiht: nepalesisch, russisch, venezolanisch, libanesisch, spanisch, vietnamesisch, alle sehen sie nett aus, überall wird gelächelt, aus allen duftet es gut heraus. Ich weiß das, weil wir an jedem einzelnen davon vorbei gegangen sind, obwohl das eine Kind durchaus zu kulinarischen Experimenten bereit gewesen wäre. Aber das andere Kindes-Antlitz wurde länger und länger. Nein, darauf habe ich jetzt keine Lust. Nein, ich glaub, das mag ich jetzt nicht. Nein, vielleicht morgen. Nein, davon bekomme ich Bauchweh.

Sakrament, was willst du dann?

Eh hätte man sich die Antwort denken können: Gibt es nirgends Pommes? Und Schnitzel vielleicht?

Bist du?!??! Aber gut, gingen wir dann zum Türken, was sie kennen, wo die Kinder, was sie bisher nicht kannten, zu den Pommes ihre ersten, richtigen Döner verspeisten und zwar mit überraschendem Genuss. Und genau da fielen einem die Großeltern ein, wie man sie einmal, vor sehr vielen Jahren, in ihr erstes türkisches Lokal hineinüberredete. Muss das sein? Ja. Können wir nicht wieder in ein Schnitzellokal gehen? Nein, heute nicht. Was kochen denn die? Ihr werdet es sehen.

Und sie sahen: Es war subr und die Spieße waren gut. Und dort in Kreuzberg erkenne ich: Es sind, wieder einmal, die Gene. Diese Gene machen auch, dass das Kind zwar zum Running Sushi will (weil es gehört, dass das cool sei), dort dann aber ausschließlich nur Bratkartoffeln vom Band nimmt, und nochmal Bratkartoffeln, und wieder Bratkartoffeln, nein, danke, auf das andere habe ich jetzt gerade keinen Appetit.

Jaja, schon okay; kannst ja nichts dafür.

doris.knecht@vorarlbergernachrichten.at
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin.
Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
Die VN geben Gastkommentatoren Raum, ihre persönliche Meinung zu äußern.
Sie muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.